Auf dem Rücken eines 600 kg schweren Pferdes

    Letzte Woche hatte ich trotz Feiertag Training. Keineswegs finde ich das schlecht, im Gegenteil! Es ist sogar extrem praktisch. Alles läuft ruhig, man kann ausschlafen, sich entspannt fertig machen und dann pünktlich losfahren, um rechtzeitig und ohne Stress am Stall anzukommen. Na ja, obwohl, so entspannt lief es dann doch nicht. Ausschlafen war nicht, da wir zurzeit ein wenig eingespannt sind. Unsere Katze muss regelmäßig ihr Essen bekommen und dass auch noch zwangsweise, da sie von alleine nicht frisst. Das war dann auch der Grund, weshalb wir ein bisschen zu spät in Gatow ankamen. Gatow. Stall… ich glaube, das verrät, dass ich Reitsport betreibe.

    Als ich vor dem Eingang von meiner Mama abgesetzt wurde, lief ich sofort zum Platz, wo meine Trainerin gerade mit einem Mädchen und Malibu, einem frechen Haflinger, trainierte. Rocki, ein Englisches Vollblut, welches früher als Rennpferd tätig war, stand angebunden am Zaun und wartete auf seinen nächsten Reiter. Ein wenig Hoffnung hatte ich ja, dass Susann, meine Trainerin, mich endlich wieder auf ihn setzt. Doch nachdem ich bei unserer letzten gemeinsamen Stunde auf Rocki runterfiel, dachte sie wohl, ich hätte noch zu große Angst – obwohl ich da nicht zustimmen würde.

    Ich streichelte und klopfte seinen muskulösen Hals und tätschelte seine Stirn. Er hielt ganz still, sonst war er etwas aufmerksamer. Sein dunkelbraunes Winterfell wird langsam wieder heller und er entwickelt sich fast zu einem Braunfuchs. Der Stern zwischen seinen Augen ist sein Markenzeichen. Eine leichte Auskerbung zu seinem rechten Auge verriet mir, dass es wirklich Rocki war. Dann erblickte ich Cynthia und Helene zwei meiner heutigen Mitreiterrinnen. Ich begrüßte sie mit einem Lächeln und sie erzählten mir, dass wir Caprice, eine Fuchstute, und Amber, eine Grauschimmel-Oldenburger Stute von dem Paddock holen, sie putzen, satteln und trensen sollen. Da Cynthia und Helene bereits die Stricke geholt hatten und die beiden Pferde ihre Halfter noch trugen, liefen wir zum Paddock, der sich direkt neben dem Reitplatz befindet.

    Cynthia nahm Caprice, da sie ihr Liebling vom Verein war. Ich nahm Amber, da Helene etwas jünger und kleiner ist als wir, hielt sie nur das Tor auf und schloss es hinter uns. So führte ich die große Stute zum Putzplatz und fing an, ihr Fell von Schmutz und Staub zu befreien. Dann noch die Hufe und ich konnte anfangen sie zu satteln. Das lief nicht so einfach wie gedacht. Als die Schabracke drauf lag, musste nur noch der Sattel drauf. Das schwere Ding auf ihrem Rücken zu befestigen war schon eine Kunst. Beim dritten Versuch schaffte ich es jedoch und rückte ihn gerade. Ich befestigte den schwarzen Sattel mit dem Sattelgurt und versuchte nun, ihr die Trense anzulegen. Dies ging gar nicht mal so schwer, da sie ihren Kopf ein Stück runternahm und ich so gut rankam. Nachdem die beiden Pferde fertig waren, kam unsere Trainerin zurück mit Rocki und Malibu. Stolz erzählten wir ihr, dass wir die beiden alleine fertig gemacht hatten. Dann kam es zum Punkt, an dem sie uns sagte, welches Pferd wir heute reiten.

    Sie sah mich überlegend an und sagte, dass sie mich gerne mal auf Amber setzten würde. Ziemlich überrumpelt von dieser Aussage sah ich sie an: „Ich? Auf Amber? Ich bin sie noch nie geritten!“ Perplex sah ich zum Grauschimmel, die Stute stand tiefenentspannt da und ahnte nicht, dass ich gleich auf ihrem Rücken herumturnen würde. „Ich weiß“, sagte meine Trainerin nur und grinste. „Und dann direkt in der Gruppe??“ Ich war völlig überrascht und wusste nicht recht, wie ich reagieren sollte. Auf der einen Seite freute ich mich total, da ich sie schon ewig anhimmelte und ihren Gang so unglaublich elegant und schön fand. Doch auf der anderen Seite hatte ich ein wenig Bange, dass ich ihr nicht gewachsen bin. Cathleen allerdings war nicht so happy wie ich. „Ich hab‘ Rocki“, sagte sie enttäuscht und sauer. Der Gute war wohl nicht ihr Liebling, kann ich aber verstehen. Manchmal, wenn er nicht ganz so gut gelaunt ist, geht es mit ihm durch und er rennt einfach los. Rennpferd eben.. Davor hatte Cathleen schon letztes Mal Angst gehabt. Helene bekam Caprice. Das war ihr ganz recht. Und Sophia, die ein wenig zu spät kam, musste sich mit Malibu rumschlagen, obwohl sie ihn scheinbar sehr mag.

    So waren also alle zufrieden, bis auf Mila, naja, da musste sie nun durch. Auf dem Platz angekommen, führten wir sie eine Runde rum, zum Warmwerden. Dann hieß es aufsteigen. Ein wenig wackelig hievte ich mich in den Sattel. Ziemlich hoch. Doch unsicher fühlte ich mich nicht. Einreiten. Das heißt, selbstständig ein paar Hufschlagfiguren reiten. Amber reagierte auf jede meiner Bewegungen und lief von Anfang an fleißig. Dann sollten wir eine Abteilung bilden. Also alle hintereinander. Als erstes Rocki, dann Amber, nach uns Caprice und zum Schluss Malibu. Nach einer weiteren Runde sollten wir antraben. Vor dem aufsteigen hatten mich Mila und meine Trainerin vor ihrem großen Trab gewarnt. Da sie so groß ist, macht sie dementsprechend auch große Schritte und wirft einen richtig hoch, was mir auch sofort auffiel. Trotzdem machte sich keine Unsicherheit bemerkbar. Sie war so fein und spürte wohl meine Aufregung.

    In der Reitstunde ritten wir unseren Parcours durch, den wir für Samstag geplant hatten. Es klappte wirklich sehr gut. Ich wollte fast schon gar nicht mehr absteigen. Auch Annika fand, dass ich mich sehr gut auf ihr machte und es ganz gut klappte. Nach dem Absatteln wurden die Pferde gefüttert und als alle fleißig aufgefressen hatten, durften wir auf den Pferden zurück zur Koppel reiten. Und das ohne Sattel! Auf Amber raufzukommen, so ganz ohne Steigbügel, war nochmal ein ordentlicher Aufwand. Entspannt liefen wir zur Koppel und es war für einen kurzen Moment so, als sei ich nie ein anderes Pferd geritten. An der Weide angekommen, wurde sie doch etwas unruhig, da sie sich auf ihre Herde freute. Wir brachten die Pferde drauf und machten das Halfter ab. Sie trabten freudig zu ihren Artgenossen und wurden laut wiehernd begrüßt.

    Zurück zum Stall fuhren wir mit Annikas Auto und da fragte ich sie, ob ich Amber nun öfter auch im Training reiten dürfte. Sie sagte zu, was mich lächeln ließ. Am Mittwoch soll ich sie nochmal reiten und am Samstag mit Mila als Team. Das kann was werden! Aber ich weiß, dass wir das schaffen werden

    Red/E.R.

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