Es ist vorbei! Geschafft! In seltener Einigkeit schmissen mein Oller und ich bereits am 2. Tag des neuen Jahres das festliche Großgrün aus der guten Stube. Wir fragten uns, ob das schon immer so war, dass das Fest der Freude und des Friedens schon immer in der unbarmherzigen Wirklichkeit gar kein solches war. Nun, im Prinzip wurden die Weihnachtsfeiertage seit Ewigkeiten genutzt, zu zanken und zu streiten. Waren es einst Geschenke, wie Bügeleisen und Kochtöpfe für uns Damen – Socken, Unterhosen und Schlipse dagegen für die Männer – die für Unzufriedenheit bis zum häuslichen Unfrieden durch tiefes Gekränktsein führten, so ist das heute etwas anders gelagert. Die Erwartungen an das Fest und an sein Ambiente wurden offenbar der Realität angepasst. Niemand nörgelt heute noch: „Früher war mehr Lametta…!“ Die Zeiten sind vorbei. Dafür erleben wir immer öfter, wie sich aus einem scheinbar harmlosen Festmahl eine gnadenlose Verbalschlacht entwickelt. Und das liegt nur selten an der Qualität des Essens!

    Ganz harmlos fing es dies Jahr bei uns an: „Geht es uns gut!“ Der Schwiegersohn unserer jüngsten Tochter fährt sich mit der Hand übers Bäuchlein. „Dir vielleicht“, erwidert unsere Tante Rita spitz, „es gibt viele, die jetzt nicht in der warmen Stube…“ „Nicht heute, Schatz!“ Ritas Mann spricht laut. „Warum denn nicht, so lass sie doch“, die Tochter unserer jüngsten Tochter, Gabi, guckt erst ihren Mann herablassend, dann Tante Rita aufmunternd an. „Es gibt viele, die keine Wohnung haben.“ „Dafür gibt es Leute wie euch! Keine Kinder, aber eine 5-Zimmer-Wohnung! Welche Verschwendung von Ressourcen!“ Tante Rita hat nicht geschnallt, dass Gabi eigentlich auf ihrer Seite steht und hat ihre gehässige Bemerkung direkt an sie gerichtet. Mit nur einem Blick schicke ich meinen Ollen an die „Hausbar“. Jetzt heißt es Löschen, bevor es zu einem Großbrand kommt. Die Frage, wer denn zur Verdauung einen kleinen Cognac möchte, provoziert Armin. Armin ist der Cousin von Rita oder der Großcousin – was weiß ich. Jedenfalls kommt er seit drei Jahren, aus welchem Grund auch immer, zu den hohen Feiertagen im Jahr, wenn sich die Familie bei uns zusammenfindet. „Sauft ihr eigentlich alle eure Probleme weg?“, fragt er mich. „Ich finde, dass das keine Lösung ist! Aber das will der Staat ja so, darum ist Alkohol bei uns so billig und überall zu haben! Besoffene machen keine Revolution.“ „Von wegen billig“, empört sich mein Oller, „dis is Remmi Martöng!“ Oh nein, vorsichtshalber räume ich das kostbare Goldrandgeschirr in die Küche. Man weiß ja nie. „Na, ihr müsst es ja dicke haben!“ Jetzt platzt meinem Ollen der Kragen. Der Grad seiner Erregung lässt sich immer gut an seiner Ausdrucksweise feststellen. Ist er entspannt, berlinert er furchtbar. „Du stehst dir ja als Landtagsabgeordneter wohl nichts aus! Eure Diäten sind ungefähr so hoch wie meine Rente!“ „Dann freu dich doch!“ „So hoch wie meine Rente im ganzen Jahr!“ brüllt meiner in bestem Hochdeutsch. „Das wird wohl Gründe haben!“ „Na klar, und die sitzen in der Regierung!“ Schweigen wäre Gold gewesen, ich hätte was drum gegeben, aber es kommt anders. Von der unfähigen, volksfernen Regierung zum BER, vom BER zur Gäste-Politik, von der zu Waffenexporten in Krisengebiete. Abgasskandal, föderale Bildungsmisere, Regierungsbildungshinundher, Altanschließerbeiträge, Straßenausbauanliegerbeiträge, Tempolimit auf Autobahnen, radargestützte Abzocke der Autofahrer, menschheitsberohendes Wolfsmanagement, Eichenbestandmordende Biber, Donald Trump. Dass sich die Familie bei den meisten Themen einig ist, ändert nichts an der Tatsache, dass es immer lauter zugeht. Einer muss den anderen mit misslichen Beispielen übertrumpfen und also überschreien. Ich habe in der Küche alles gut mitgehört. Meine Flasche „Remmi“ ist inzwischen so gut wie alle, den Abwasch – von Hand wegen des Goldrandes – habe ich mit seiner Hilfe spielend nebenbei erledigt. Bei nur geringem Kollateralschaden. Mich wundert vor allem, warum es hierzulande noch keine Revolution gegeben hat. Es gibt so viele Themen, die dafür allein als Auslöser taugen würden.

    Zum Abschied liegen sich alle trotzdem wieder in der Armen. „Na dann bis Ostern!“ Armin drückt mir einen saftigen Schmatz ins Gesicht. „Bei euch sind die Familienfeiern immer so schön gemütlich!“

    Als alle raus sind, frage ich meinen Ollen, ob sich jemand zur anstehenden Bürgermeisterwahl im nächsten Jahr geäußert hätte. Er streicht mir über den Kopf, so wie ich das abgrundtief hasse, guckt mich liebevoll an und sagt nur: „Natürlich nicht.“

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