Ein schönes langes Wochenende liegt vor uns. Ich hatte am Freitagabend Eier gekocht, Buletten gebraten und Stullen geschmiert. Mein Oller saugte mit solcher Inbrunst sein Auto, wie sonst nur vorm Fernseher an der Bierflasche. Samstag früh, es geht los, in Richtung Reformationsjubiläum, heute nach Halle/Saale über Wittenberg/Lutherstadt. Weil wir Zeit haben, fahren wir „über die Dörfer“, lassen die Autobahn also links liegen. Fürstenwalde raus, Richtung Beeskow. Beeskow-Ortsschild, der dicke Wälzer drückt schon mächtig auf den Beinen. Dabei handelt es sich mitnichten um einen Autoatlas. Schließlich haben wir Navi! Nein, das, was da drückt, ist der Verkehrsalmanach Deutschland. „Achtung“, warne ich meinen Wagenlenker, „im Stadtgebiet Beeskow gelten 45 km/h als Höchstgeschwindigkeit.“ „Ich hab‘ kein Schild gesehen“, sagt mein Oller und fährt stramme 55 Knoten. Wie aus dem Nichts taucht vor uns eine Uniform der Polizei auf, mit Wachtmeister drin und rotgerandeter Kelle dran. „Na, Bürger, was haben wir denn falsch gemacht?“ „…?“ „Sie sind mit 56,6 km/h gemessen worden, erlaubt sind hier 45 km/h, das macht abzüglich der Toleranz von 3,25 km/h eine Geschwindigkeitsüberschreitung von 8,35 km/h.“ Mein Oller kriegt rote Flecken am Hals. „Was habe ich dir gesagt!“ Ich beginne zu keifen. „Du Flasche, du Pflaume, du Besserwisser, du… du… du Raser!!“ Der Wachtmeister wirkt verunsichert. Offenbar hat meine Keiferei seine Mutterinstinkte gegenüber meinem Mann geweckt. „Na, so schlimm war das ja nun auch wieder nicht. Wollen wir es heute nochmal bei einer mündlichen Verwarnung belassen. Und beachten Sie bitte, dass in der Ortslage Friedland nur 38,7 km/h erlaubt sind. Gute Weiterfahrt, Bürger!“ Wir sind halt ein eingespieltes Team. Hinter Beeskow meint mein Oller: „Du warst wieder super, Dicke! Gib mir Fünfe!“ „Beide Hände ans Lenkrad“, herrsche ich ihn an, „zwischen Beeskow und Lieberose gilt einhändiges Lenkverbot, mit Ausnahme beim Schalten.“ Durch Friedland schleichen wir deutlich unter dem Limit. Bloß gut, denn aus einer Nebenstraße kommt ein Radfahrer gebrettert. Fast rutscht mir der Almanach von den Knien. „In der Ortslage Friedland haben Radfahrer grundsätzlich Vorfahrt, egal woher sie kommen, egal wohin sie wollen“, fällt mir ein. Blinkverbot in Lieberose, dazu kommt grundsätzliches Anlegeverbot an Verkehrsinseln. In Kleinsiehstenich Warnblinkanlage zur Querung des Bahnübergangs einschalten. Anderswo Durchfahrt nur im 2. Gang erlaubt. Inzwischen geht es auf Mittag, und wir sind noch nicht wirklich weit gekommen. Zwei Orte weiter ein Landgasthaus. Vorwärts Einparken untersagt, gilt nicht für gelbe Autos. Kein Alkohol für Beifahrer unter 126 kg Körpergewicht. Oder ich muss bis zum Ortsausgang laufen. Wir abstinieren beide. Irgendwie ist uns die Lust am Ausflug vergangen. „Gibt es eine Vorschrift, die es mir verbietet, den gleichen Weg zurück zu fahren, den wir gekommen sind?“, will mein Oller wissen. Glaube ich nicht. „Mensch, das ist ja schlimmer als in unserem Schulwesen, für jeden Ort andere Verkehrsvorschriften. Und ausbaden dürfen es die Autofahrer!“ „Du hast ja nun überhaupt keine Ahnung“, muss ich ihn korrigieren, „hierzulande hat jede Schule, auch innerhalb einer Stadt, verschiedene Schulbücher. Und ihren eigenen Lehrplan. Ausbaden dürfen das die Schüler!“ „Unvorstellbar!“ „Was meinst du jetzt damit?“

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