„Erna, möchtest du einen Grog zum Feierabend? Draußen ist es kalt, das Feuerchen im Kaminofen knistert so gemütlich… Erna!! Was ziehst du denn für ein Gesicht?!“

    So ist er, mein Oller. Eben sind die Dreifarb-Koalitionsverhandlungen in den Sand gesetzt worden, und was macht er? Bietet mir einen Grog an. Natürlich mit Jamaika-Rum. Hat mich sonst nie gestört, dass wir den im Hause haben. Nun aber würde ich lieber verdursten. Ich kann „Jamaika“ nicht mehr hören. Ich schweige demonstrativ und meinem Ollen schwant was. „Erna, lass doch die Affen machen, kümmer‘ dich lieber um die Lokalpolitik.“ Wenn Politik doch wenigsten hier im Lokal gemacht würde! Wird sie aber nicht. Hier ist alles noch viel schlimmer, unverständlicher. Weil, es tobt nicht wirklich ein Kampf um den Rathaus-Chefsessel. Es soll zwar schon einen Kandidaten geben, der mit einem Fürstenwalder Autokennzeichen rumfährt, das neben den Initialen von „bitte meiden!“ die Jahreszahl der Abstimmung trägt. Ob so Fürstenwaldes Zukunft aussehen muss? Die CDU präsentierte ganz unaufgeregt ihre Kandidatin – das war‘s erstmal. Der alte Rathauschef hat inzwischen auch bekundet, ganz gern der neue zu werden. Und die SPD macht es wie in der Bundespolitik: Sie verzichtet ganz auf einen eigenen Kandidaten. Es muss ein ungeliebter Job sein, der so intensiv umworben wird, wie eine kaputte Glühbirne von einer Motte.

    Und wir Fürstenwalder? Wir warten es erst mal ab. Vielleicht kommt ja noch was.

    Ich merke, wie mich meine Blutdrucksenker langsam im Stich lassen. Oder sie sind ihrer Aufgabe einfach nicht mehr gewachsen und geben einfach auf. Ich zähle bis Einhundert. Laut. Bei etwa siebenundfünfzig steht mein Oller auf und geht zum Nachbarn. Bier trinken. Gut so. Zumindest heute. So kurz vor der Goldenen Hochzeit soll man keine gravierenden Fehler machen.

    Dafür liebe ich ihn. Ungehindert greife ich mir die Kommandozentrale, sprich: Fernbedienung. Das ist gar nicht gut!

    Ein Herr Schulz erklärt zum zigsten Mal im Fernsehen, der Wähler habe die Große Koalition abgewählt. Die dicke Nahles haut ungeniert in die gleiche Kerbe. Hallo? Glaubt ihr Führungspfeifen von der SPD, ich habe euch meine Stimme gegeben, damit ihr euch mit fetten Bezügen im Koalitionssessel bequem die Ärsche breit sitzt?! (Ach Gott, das tat jetzt richtig gut.) Das war’s. Ich lasse mich bloß einmal verschaukeln. Die Liberalen? Nehmen sich die Freiheit, die in ihrem Namen steht. Es hatte schon Gründe, warum sie jahrelang in der Versenkung verschwunden waren. „Besen, Besen, seid’s gewesen…“ Die Grünen? Wer kein Herz für Flüchtlinge hat, hat kein Herz. Wer das Nachzugsthema über eine Regierungsbildung für unser Land stellt, hat kein Verantwortungsbewusstsein.

    Für mich, sozusagen als gemeiner Wähler und höriger Demokrat, haben die Parteien gefälligst die Regierungsverantwortung zu übernehmen, die die meisten Stimmen kriegen. In diesem Fall waren das eben die MMP (Mutti-Merkel-Partei – manche sagen: CDU) und die VSSP (Verlierer-Schulz-schmollt-Partei – umgangssprachlich auch: SPD). Mag man über Mutti Merkel denken was man will, sie war immer, was sie zu sein vorgab: zu allererst Christin, zugleich besonnener Landesvater. Das lasse ich hier mal ganz bewusst so stehen, weil sie immer, wenn es drauf ankam, ihren Mann stand. (Die Gleichstellungsbeauftragten werden ganz sicher bald auch dieses geflügelte Wort schleifen, ausmerzen.) Und was macht Steinmeier? Er bleibt als Souverän des Landes souverän. Hut ab! Er liest seinen Genossen die Leviten. Auf Steinmeiersche Art, aber deutlich genug. Liebe Mitwähler und Mitwählerinnen, vielleicht überlegt ihr euch, wohin ihr bei der nächsten Wahl eure Stimme werft. Aber vielleicht folgt das deutsche Volk nur seiner uralten Tradition. Vielleicht können wir nicht anders. Vielleicht brauchen wir keinen Bundestag. Vielleicht brauchen wir keine Bundesregierung. Die Bildungspolitik macht es uns vor. Bildung z.B. ist Ländersache. Einer der wichtigsten, existenziellen Bereiche: LÄNDERSACHE! Also seien wir konsequent, zurück zur deutschen Kleinstaaterei. Brandenburg machte es ja kürzlich vor, wie erfolgreiche Länderpolitik gemacht wird.

    Jedes Volk hat die Regierung, die es verdient. Manchmal eben gar keine.

    Jamaika hin – Jamaika her – der Grog schmeckt ganz hervorragend!

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