Es ist noch gar nicht so lange her, da waren die zwischenmenschlichen Beziehungen noch sehr direkt. Die Angebetete wurde noch nicht angebetet, sondern am Schopf in die eigene Höhle geschleift. Der ungeliebte Nachbar wurde nicht vor Gericht gezerrt, sondern mit einer Keule oder ähnlichen Argumenten in die Schranken gewiesen. Hatte das Essen geschmeckt, wurde gerülpst. Feine Zurückhaltung galt da eher als Beleidigung. Götz von Berlichingen lässt unmissverständlich ausrichten, was er von seinem Herrn hält. Geschissen wurde, wo man ging und stand, gern auch in Gesellschaft. Was ist unser Gemüt heute dagegen verweichlicht! Ich erinnere mich noch gut an mein Entsetzen, als unser Sohn im Schulsystem des frischgeeinten Deutschlands selbst in der dritten Klasse noch immer keine Noten bekommen sollte. Es könne dem kindlichen Gemüt schaden… Zum Glück hatten wir noch andere Elternteile als Mitstreiter dagegen. Dem Kind hat’s übrigens nicht geschadet. Nun denke aber niemand, nur das kindliche Wesen sei sehr empfindsam. Auch dem Durchschnittsbürger wird kaum noch was zugemutet. Abgesehen von den Mahnbescheiden der Behörden. Wenn vor Jahren noch der Bestand an Wildtieren mehr oder weniger vorausschauend durch Hege und Abschuss reguliert wurde, nennt man gleiche Vorgänge nun anders: Tiere werden nicht mehr geschossen! Was für eine brutale und rücksichtslose Wortwahl! Tiere werden heute entnommen. Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis der Jäger zum Entnehmer wird, die Jagd folglich zur Entnahme. Das klingt sanft. Entnahme. Kuscheldeutsch ist up to date. Apropos Entnahme: Wie nannte man eigentlich Leute, die für den Rest der Gesellschaft eine Gefahr darstellten, bevor der Begriff des „Gefährders“ erfunden wurde? Ehrlich, ich komm nicht drauf. Es muss jedoch ein unangenehmes, bedrohliches Wort gewesen sein. Ist uns eigentlich klar, dass Begriffe nicht nur Inhalte beschreiben, sondern zugleich auch wertend, also Semantiktransporteure sind? Dass dabei allein die Wortwahl skurrile Blüten treiben kann, zeigen die ausgemerzten Begriffe wie „Zigeunerschnitzel“ oder „Negerkuss“. Ich warte auf den Moment, da sich die Zunft der Waidmänner gegen das „Jägerschnitzel“ erhebt. „Entnehmerschnitzel“ ist dann politisch korrekt. Und wer demnächst im Bauernsalat ein Stückchen Gummistiefel findet, weiß, dass es nicht dadurch besser würde, künftig vom Landwirtsalat zu sprechen. In Limburg hat ein uraltes „Fuchs, du hast die Gans gestohlen“ zur Entnahme des Liedes aus dem berühmten Glockenspiel der Stadt geführt. Dabei gibt es dafür längst einen neuen, völlig unverfänglichen Text:

    Fuchs, du hast die Gans entnommen,
    was so gar nicht geht!
    Nun wird der Entnehmer kommen
    mit dem Entnahmegerät.

    Dieses E-Gerät
    bewirft dich dann mit Kügelchen,
    dass dich färbt dein körpereigenes Sekret.
    Und es geht dir übelchen.

    Liebes Füchslein, lass dir raten,
    entnimm auch keinen Hahn.
    Lass das Federvieh im Garten
    iss nur noch vegan.

     

     

     

     

     

     

     

     

     

    Zugegeben, das holpert ein wenig, aber es ist doch Balsam fürs schlichte Gemüt. Oder?

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