Es ist schon ein Kreuz, das mit dieser Kulturdebatte. Kaum fiel der Begriff Leitkultur schwuppdiwupp, schon waren die Bedenkenvorträger wieder auf der Matte. Der Gipfel politisch unüberlegter Dämlichkeit war die Aussage, wir bräuchten keine solche. Wir hätten schließlich ein Grundgesetz. Jawoll, da stünde alles drin, war für unsere Kultur wesentlich und von Bedeutung ist. Oops – ich komme aus dem Staunen nicht mehr raus. Erinnern Sie sich noch: „Ellenbogen, Ellenbogen, sei doch nicht so ungezogen…“. Mutters Worte, als sie uns Esskultur beibrachte. Ich gebe zu, dass ich keine Ahnung hatte, dass Mutter da nur aus dem Grundgesetz zitierte. Dort soll ja alles drinstehen, was unsere Kultur ausmacht. Deshalb ist der Schinken auch so dick, weil die Väter unserer Verfassung den ganzen Knigge abgeschrieben haben. Oder etwa nicht? Als mir so ein halbwüchsiger Rotzlöffel kürzlich die Ladentür vor der Nase zufallen ließ, obwohl ich Rollatorfahrerin bin, war mir gleich klar: Das ist nicht nur schlechtes Benehmen! Das ist eindeutig eine verfassungsfeindliche Aktivität! Älteren die Tür aufzuhalten, gehört nämlich zu den Grundsätzen unserer Kultur. Das, nehme ich mal an, steht auch im Grundgesetz. Dass dem nicht so ist, wusste Herr Bassam Tibi, deutscher Politikwissenschaftler mit syrischen Wurzeln, als er 1996 seinen Beitrag in der Beilage der Wochenzeitung Das Parlament veröffentlichte, wo er den Begriff der Leitkultur sozusagen gebar, gebrauchte und erläuterte. Na, wenigstens war es kein wurzelechter Deutscher, der die Leitkultur erfand. Womit eigentlich die Schärfe aus der Diskussion genommen sein sollte. Ich fürchte nur, dass dem so nicht sein wird. Denn schon geht es mit unverminderter Verbissenheit weiter:  Berliner Stadtschloss. Historischer Nachbau, ja gern, aber bitteschön ohne historisches Kreuz auf der Kuppel. Denn „…wie soll ein solcher offener Dialog der Kulturen gelingen, wenn oben auf der Kuppel ein Kreuz schon die Richtung vorgibt?“ (Sigrid Hupach, kulturpolitische Sprecherin der Linksfraktion im Bundestag). Antwort: Ganz einfach, Frau Hupach, eine grobe Richtung ist bereits vorgegeben, wenn jemand in ein Land einreist. Und da meine ich nicht nur Deutschland. Anderenorts wird einem, egal ob Tourist oder Neubürger, mitunter ganz flott klargemacht, wo Barthel den Most holt. Dagegen ist ein Kuppelkreuz auf deutscher Historie gewissermaßen Pillepalle. Könnte sich nicht mal jemand mit gleicher Inbrunst jener Schüler annehmen, denen unser föderales Bildungsunwesen ein Bein nach dem anderen auf ihrem Bildungs- und Lebensweg stellt? Freilich, das wäre Sisyphusarbeit. Weitgehend ignoriert von den Medien. Noch, denn wer weiß, vielleicht gibt es in nicht allzu weiter Ferne außer politisch Verfolgten und Kriegsflüchtlingen die ersten Bildungsflüchtlinge? Wartet’s besser nicht ab!

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