„Mein Gott, du siehst heute aber furchtbar aus!“

    Ist er nicht ein echter Charmeur, mein Oller? „Guten Morgen erst mal“, antworte ich, „hab dich auch lieb!“ „War nicht böse gemeint, ich mache mir halt Sorgen.“ So ein Zufall, er macht sich Sorgen – ich mir auch. Das ist auch der Grund für meine morgendliche Dreifaltigkeit, schon gut, es können auch ein paar mehr sein: Ich leide unter Entzug. Mir fehlt eine Regierung, und ich weiß, dass ich damit nicht alleine bin. Diese Ungewissheit raubt mir den Schlaf. Und außerdem noch die Ungewissheit, was Fürstenwaldes Zukunft betrifft. Wahrscheinlich wird der Zustand bis zum Montag nach der Bürgermeisterwahl anhalten. Bis meine Lieblings-Regional-Zeitung die ersten Hochrechnungen veröffentlicht. Es wird doch Hochrechnungen geben? Ich bin aber auch so was von durcheinander! Beim letzten Mal war es, sagen wir mal, unspektakulär, erinnern Sie sich? Ein „alter Hase“ und weitere Kandidaten, die so wenig Aufsehen erregt hatten, dass ich nicht mal mehr weiß, wer das war, hatten ihre Hüte in den Ring geworfen. Diesmal ist das anders. Ich bin sicher, dass es zur Stichwahl kommen wird, auch wenn sich bisher nur jene öffentlich geäußert haben, die den „alten Hasen“ wählen werden. Oder ist mir was entgangen? Es wird aber – und davon bin ich fest überzeugt – genug Leute geben, die dem Versuch erliegen, den populärsten Versprechen zu folgen und ihre Stimme zu geben.  „Taten sind männlich, Versprechungen weiblich.“ (Sprichwort)

    Womit bewiesen sein dürfte, dass Sprichworte auch nicht mehr sind, was sie mal waren. Denn unsere weibliche Bewerberin versprach und verspricht viel, viel zu wenig, womit sie die Volksseele an sich binden könnte. Klar ist sie wahrscheinlich Realistin und bescheiden dazu – bloß mit Realismus allein gewinnt man keine Wahlen. Und mit Bescheidenheit schon gar nicht. Es sei denn, man sitzt schon ziemlich fest im Sattel. (Ein hübsches Paradoxon, finden Sie nicht auch?) (Und weil diesen Kalauer jetzt wieder keiner versteht: Hengst – sitzt – im – Sattel…). Der jedenfalls steht nach wie vor zu einer Politik des Machbaren. Findet nicht jeder toll – muss er auch nicht. Ich finde auch nicht alles gut. Aber im Gegensatz zu hochwertigen Fürstenwalder Persönlichkeiten schätze ich das Wahlgeheimnis, auch mein Oller weiß nicht, wem ich am Sonntag meine Stimme verleihe. Das gehört sich so. Denn vielleicht ändert der „Druck von der Straße“ doch noch diese oder jene politisch determinierte Sichtweise. Sage mir keiner, Kommunen könnten keinen Druck auf die Landespolitik ausüben. Und natürlich erschließen sich auch mir rechtlichen Grundlagen für Anliegergebühren beim Ausbau für Straßen oder Gehwege nicht. Jedenfalls solange nicht, wie ich keine Maut erheben darf für die Passage MEINES Gehwegs vor MEINEM Haus, den ich sau-teuer bezahlt habe, der von fremden Passanten OHNE Bezahlung benutzt wird, und die also an einer Leistung partizipieren, die ICH (und mein Oller) erbracht haben. Von den 23,75 m frischen Asphalts vor unserem Gartenzaun ganz zu schweigen! Das kann ich ja nicht mal unseren Kindern vererben – außerdem gehört denen schon ein Stück ausgebauter Nebenstraße vor deren Grundstück. Was sollen sie also mit noch einer.

    Doch zurück zum Grund meiner schlaflosen Nächte, der Wahl am Sonntag: Gotthold Ephraim Lessing, der alte Fabeldichter, die Prä-Smartphone-Generation mag sich dunkel erinnern, wusste offensichtlich schon damals Fake Promises zu beklagen. Er sagte weise: „Beide schaden sich selbst: der, der zu viel verspricht und der, der zu viel erwartet.“

     

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