Sehr geehrter Herr Rudolph,
mit großer Sorge habe ich in den vergangenen Tagen die Nachrichten um die mögliche Schließung des Modekaufhauses Moses am Markt in Fürstenwalde verfolgt und wende mich an Sie mit der Bitte, an dieser Stelle umzudenken und Ihrer Pflicht als Bürgermeister unserer Stadt nachzukommen und dem Wohl der Allgemeinheit zu dienen.

Warum dieser Appell? Ich bin beunruhigt über die einseitige Argumentation, mit der Sie und Frau Teichert die nicht erfolgte Verlängerung des Vertrages mit Moses argumentieren. In einem der sogenannten sozialen Netzwerke las ich Ihre Antwort, dies sei „Marktwirtschaft“.

Genau hier liegt das Problem: Sie sind als Bürgermeister für mehr verantwortlich, als nur für den Markt. Sie tragen Verantwortung für die gedeihliche Entwicklung der Stadt zum Wohle aller Bewohner*innen. Dazu gehört ganz zentral eine lebendige Innenstadt, belebte und gepflegte Geschäftsstraßen und Einkaufs- sowie Aufenthaltsmöglichkeiten, Gastronomie, Kultur usw. Die Coronapandemie wird wie ein Brennglas die Probleme des stationären Einzelhandels weiter beschleunigen. Die Situation in der Eisenbahnstraße ist beredtes Zeugnis davon: Leerstand, Nagelstudios, Frisörgeschäfte (beides ehrenwerte Dienstleistungen, die aber nicht oder nur sehr bedingt zur Belebung einer Innenstadt beitragen) – ein stetiger Abwärtstrend und Weg in die Verwahrlosung ist zu beobachten, dem sich mutige Einzelhändler*innen in besitzergeführten Geschäften entgegenstellen. Und was tun Sie? Wo ist die Unterstützung durch die Stadt? Wo das Geschäftsstraßenmanagement, die Innenstadtinitiative? Die individuellen Förderprogramme in der Coronakrise, wie sie in vielen anderen Städten aufgelegt werden?

Davon habe ich nichts gehört oder gelesen! Also herrscht auch hier die reine Marktwirtschaft? Ist dies Ihr Bild einer lebendigen, lebenswerten Stadt? Und Ihre Vision von der Aufgabe, in die eine Mehrheit von Fürstenwalder*innen (oder zumindest derer, die zur Wahl gegangen sind) Sie gewählt haben?

Nun zur Fürstengalerie. Wer Fürstenwalde schon lagen kennt weiß, wie groß die Anstrengungen und der Mut waren, die Stadtpolitik, Stadtverwaltung unter Bürgermeister Reim und private Investoren gemacht haben, um Fürstenwalde wieder eine lebendige Mitte zu geben. Dieses Gut liegt nun in Ihren Händen und muss durch Sie sorgsam bewahrt und weiterentwickelt werden. Mit dem Bau der Fürstengalerie ist es gelungen, eine schmerzliche Fehlstelle im Herzen der Stadt zu schließen und Leben ins Zentrum zu bringen, damit die Innenstadt von Fürstenwalde wieder in alle Stadtteile und die Region ausstrahlt und das Mittelzentrum seiner Funktion gerecht wird. Auf das Scheitern der damaligen Investoren folgte ein zähes Ringen und am Ende die Entscheidung über eine Tochtergesellschaft der WoWi, der Fürstengalerie GmbH, die Geschicke selbst in die Hand zu nehmen. Damals hätte der Verweis auf die Regelungen des Marktes bedeutet, eine Bauruine jahrelang im Herzen der Stadt liegen zu lassen und die Verödung der Innenstadt in Kauf zu nehmen – wie man es damals in Brandenburg/Havel beobachten konnte – zum Spott des ganzen Landes. Das ist zum Glück in Fürstenwalde nicht geschehen. Vielmehr hat die damalige Stadtspitze aktiv dafür gekämpft, Fürstenwalde zu einer vielfältigen und attraktiven Stadt zu entwickeln.

Nun sind Sie in der Verantwortung und in der Pflicht! Die neue Geschäftsführerin der WoWi kann die Gesamtlage in der Stadt sicherlich noch nicht überblicken und ist gleich zu Beginn Ihrer Tätigkeit in einen schwierigen Konflikt hineingeraten. Sie sind alleiniger Gesellschaftervertreter in der WoWi und damit ist Frau Teichert Ihren Entscheidungen weisungsgebunden. Sie sind gleichsam als „Großvater“ der Fürstengalerie GmbH verantwortlich, hier das Ruder herum zu reißen und zu einem gedeihlichen Umgang mit den Betreibern des Modekaufhauses zurück zu kehren. Dabei kann und will ich nicht die Details eines solchen Vertrages beurteilen, ich habe aber eine klare Forderung, was das Ergebnis angeht: Moses muss bleiben!

Ich wünsche mir, dass Sie Ihr Amt als Bürgermeister unserer Stadt weitsichtig, am Allgemeinwohl orientiert und mit einer Vision vom guten Leben in Fürstenwalde ausfüllen. Sie sind nicht mehr Banker, der für Rendite sorgen muss. Ihre Verantwortung ist die „Stadtrendite“, die sich nicht unmittelbar in Einnahmen auszahlt, sondern in der Zufriedenheit der Menschen, in dem Willen in der Stadt zu bleiben, in dem Wunsch nach Fürstenwalde zu ziehen, in der Bereitschaft sich hier zu engagieren, in einem Wir-Gefühl für unsere Stadt auszahlt. All dies wird sich am Ende auch positiv für den städtischen Haushalt bemerkbar machen: durch Schlüsselzuweisungen, Anteile an der Einkommenssteuer usw.

Leider habe ich in Ihrer bisherigen Amtszeit wenig von einer Vision für Fürstenwalde gespürt. Ich beobachte Spaltung, Klientelpolitik, Partikularinteressen. Sie missachten Ihren „Arbeitsmuskel“, die Verwaltung. Mich verwundert die große Anzahl an unbesetzten Stellen im Rathaus nicht, wenn man allenthalben von der dortigen Stimmung hört. Es ist Ihre Verantwortung, die Verwaltung zu einem motivierten Dienstleister für uns Bürger*innen zu machen. Davon ist nichts zu spüren.

Sehr geehrter Herr Rudolph, Sie haben es in der Hand, Sie können umsteuern und eine Politik zum Wohle der Stadt, der Innenstadt und der Fürstengalerie machen. In schweren Zeiten für den stationären Einzelhandel gilt es jede Pflanze zu gießen, zu hegen und zu pflegen und nicht mit der Wurzel auszureißen. Dies wird sich am Ende auch nicht marktwirtschaftlich lohnen.
Bitte kommen Sie dieser Verantwortung nach!

Mit freundlichen Grüßen, 
Anne Fellner

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