Liebe Fürstenwalderinnen, liebe Fürstenwalder,

postfaktisch ist das Wort des Jahres 2016. Likes, Follower und schnelle Popularität bestimmen das Geschehen. Reflektion, Besonnenheit und Pragmatismus waren zwar nie besonders sexy, aber zumindest respektiert. Das hat sich geändert, heute werden die Vertreter der politischen Mitte mit Bildung und Erfahrung als Establishment und somit prinzipiell verdächtig verdammt. Die Folgen, die diese Entwicklung mit sich bringt, werden wir über Jahre spüren. Im Großen durch den Brexit, Donald Trump und beinahe auch durch die Präsidentenwahl in Österreich. National hat eine auf Angst und Abgrenzung aufbauende Partei in fünf neu gewählten Landesregierungen Einzug gehalten, in einigen ist sie sogar zweitstärkste Kraft geworden. Die Wählerinnen und Wähler werden mit scheinbar einfachen Lösungen beeindruckt. Und was nicht laut und einfach ist, wird übertönt – die Zeit, sich eine Meinung zu bilden, ist oft nicht da oder wird sich nicht genommen. Also wird diese Aufgabe ausgelagert, an die Lauten und Vereinfachenden. Auch kommunal und auf Kreisebene haben wir das gespürt. Die Wahl des Landrates war Vielen wahrscheinlich nicht sexy genug. Kein lauter Kandidat, nur ein paar mit Erfahrungen und Plänen, die zwar weder einfach noch revolutionär, jedoch realistisch und pragmatisch waren. Sozusagen die klassischen Vertreter des neu etablierten Feindbildes – „den Alteingesessenen, denen da oben“!
Auch die Problematik um die Altanschließer ist von diesem Grundton geprägt. Sie hat uns in diesem Jahr sehr beschäftigt, sozusagen ein Paradebeispiel von vereinfachender Informationspolitik – so verständlich das individuelle Anliegen nach Rückzahlung auch ist. Die Folgen, die eine pauschale Rückzahlung an alle hat, zeigt uns Cottbus. Städtische Gesellschaften werden zur Finanzierung herangezogen und die Grundsteuer B angehoben, um die Ausgaben auszugleichen. Letztlich also eine ganze Stadt mit all ihren Bürgerinnen und Bürgern zur Kasse gebeten. Dass Cottbus das leisten kann, ist erstaunlich, aber scheinbar vertretbar. Die Auswirkungen eines vergleichbaren Schrittes auf die Fürstenwalderinnen und Fürstenwalder wären nicht absehbar, das ist Fakt. Wir sollten uns daher besonders in der vor uns liegenden Zeit stets bewusst machen, dass einfach oft nicht einfach ist, sollten „postfaktisch“ schnellstmöglich überwinden und zurückkehren zu ‚gemeinsam anpacken‘.
Dass Zusammenarbeit nicht nur Ressourcen schont, sondern auch Perspektiven eröffnet, hat uns im zurückliegenden Jahr die Kooperation @see gezeigt. Die fünf Partner, die die Region bilden, haben zusammen den Stadt-Umland-Wettbewerb gewonnen und somit rund elf Millionen Euro Fördermittel eingefahren. Für Fürstenwalde ist dieser Erfolg umso bedeutender, als das mit einem Großteil der Mittel ein Bauwerk, das den Fürstenwalderinnen und Fürstenwaldern besonders am Herzen liegt, wieder zu neuem Leben erweckt werden kann – das Jagdschloss. Und wenn alles nach Plan läuft, wird auch die Aufbauschule zumindest mittelbar davon profitieren und auferstehen. Die Vorzeichen stehen gut wie nie.
Insgesamt war es für unsere Stadt ein gutes Jahr, Fürstenwalde wächst und entwickelt sich. Mittlerweile haben wir wieder rund 33.300 Einwohner, eine erfreuliche Zahl, die die einst aufgestellten Prognosen widerlegt. Und sie ist umso erfreulicher, als dass wir wieder viele neugeborene Fürstenwalder begrüßen durften: Kurz vor Ende des Jahres waren es 143 Mädchen und 164 Jungen. Also heißt es, in die Rahmenbedingungen für Familien zu investieren: 2016 wurde, wie in den Jahren zuvor, beispielsweise die Erweiterung der Kinderbetreuung mit der Grundsteinlegung für die evangelische Kita „Apfelbäumchen“ weiter vorangebracht. Und in der Ketschendorfer Feldmark konnten die ersten Grundstücke verkauft werden – ein Gebiet, in dem sich künftig hoffentlich viele Fürstenwalder Familien wohlfühlen werden. Alles gute Gründe, optimistisch in die Zukunft zu blicken. Und aus meiner Sicht ist nicht zuletzt der Aufstieg des FSV Union in die Regionalliga Nordost Anlass, auf Fürstenwalde stolz zu sein und den Männern auch noch einmal an dieser Stelle zu gratulieren – die harte Arbeit hat sich ausgezahlt.
Fürstenwalde lebt und engagiert sich. Viele sind ehrenamtlich im Einsatz für die Menschen und für die Stadt. Denen möchte ich an dieser Stelle meinen herzlichen Dank und meinen großen Respekt aussprechen. Egal, ob im sozialen, sportlichen, politischen Bereich oder zum Schutz und zur Hilfe der Menschen. Sie alle leisten Beeindruckendes und sind wichtig, ohne Sie wäre die Stadt reine Infrastruktur. Sie geben ihr Leben. Und ich bin immer froh, zu sehen, auf wie vielen verschiedenen Wegen sich die Fürstenwalderinnen und Fürstenwalder einbringen. So konnten 2016 auch erstmals ihre Ideen mit dem Bürgerbudget direkt umgesetzt werden, die Gestaltung der Kinofassade ist wohl das bisher eindrucksvollste Beispiel. Aber auch die neun anderen Projekte waren durchweg spannend – eine Bereicherung für die Stadt. Ein Blick auf die Anstehenden für das Jahr 2017 zeigt uns, welches Spektrum durch das Budget abgedeckt werden kann und lässt mich gespannt auf die Bürgerbudgetwahl 2018 warten.
Nun aber freue ich mich erst einmal, Ihnen und Ihren Lieben ein ruhiges Weihnachtsfest wünschen zu dürfen. Genießen Sie die Zeit, die sie miteinander haben und nehmen Sie sie sich diese auch bewusst. Treten Sie vielleicht einmal etwas kürzer, nehmen etwas Tempo aus dem Alltag und machen einen Schritt zurück, um eventuell die Perspektiven gerade zu rücken und die wichtigen Dinge zu sehen – Familie, Freunde, das Leben. Nichts davon ist einfach, aber es ist im Kleinen wie im Großen: Wir sind voller Widersprüche und das ist genauso wie es sein soll. Keiner braucht eine langweilige Stadt, in der immer alle einer Meinung sind. Was wir aber brauchen, ist Respekt vor einander und vor dem Leben und der Arbeit der anderen.
In diesem Sinne: Frohe Feiertage und einen guten Start in das Jahr 2017, das wir gemeinsam hoffentlich wieder zu einem erfolgreichen für unsere Stadt machen werden.

 

 

 

 

 

Ihr Hans-Ulrich Hengst
Bürgermeister

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