Mein Oller ist zwar schon in die Jahre gekommen, er schwärmt aber noch immer ungebrochen für Alexandra. Er ist halt ein Romantiker, ein Grund, warum er mich vor Urzeiten rumgekriegt hat. Aber reden wir nicht davon. Mir war die Sängerin vielleicht nur deshalb nicht ganz so ans Herz gewachsen. Wer hört sich schon gern Lieder an, die von einer potentiellen Nebenbuhlerin geträllert werden. Aber dieses Lied, zu dem die Zeile aus der Headline gehört, geht mir trotzdem immer dann durchs geistige Ohr, wenn ich im Hausflur die Haufen druckfrischer ungelesener Umsonstblätter liegen sehe: „Mein Freund, der Baum, ist tot…“. Alle großen Konsumentenfänger füllen damit Tag für Tag unsere Zeitungen und Briefkästen und schüren des Deutschen größte Angst: Die Angst, möglicherweise irgendwo anders zu viel zu bezahlen. Butter, Milch, Kartoffelchips, Schweinefleisch, Geflügelteile. Immer noch ein bisschen billiger. Welche Verschwendung von Ressourcen, denke ich. Sowohl als auch. Mein Freund, der Baum, ist tot… Niemand weit und breit in Sicht, der diesem Treiben Einhalt gebietet. Der Transport – und wahrscheinlich die ganze Produktion – natürlich „CO2-neutral“. Wissen Sie, was das heißt? Ich weiß es, seit ich kürzlich ein Kinderbettchen fürs Enkelchen bei einem großen Versender bestellt habe. Im Bestellformular machte ich nämlich im Kästchen „Klimaneutraler Versand?“ ein Häkchen. Nur so, aus Neugier. Damit rechnend, dass das Paket nun erst in 4 bis 6 Wochen per Pferdefuhrwerk geliefert würde (das hätte ich als CO2-neutral durchgehen lassen). Noch in derselben Sekunde wurde ich tief enttäuscht: Die Gesamtkosten der Rechnung erhöhten sich um 1,31 Euro. Das war’s! Liefertermin am nächsten Tag. Das nenne ich modernen Ablasshandel! Ich hatte lediglich CO2-Emissions-Rechte gekauft oder wie man das nennen möchte. Die Welt aber hatte ich damit jedenfalls kein Stückchen gerettet. Nun endlich hat jemand wirklich einen Schritt in die richtige Richtung getan. Weg vom bedruckten Papier, hinein in die digitale Welt. Ganz konsequent, sehr vernünftig. Sehr, sehr mutig! Unter uns, ich hätte dem Spreeboten nicht zugetraut, dass der sich das traut. Aber ich finde es super! Die meisten Leser lesen sowieso alles Mögliche im Internet, da liegt es nahe, ganz im Sinne einer rohstoffschonenden Haltung aufs gedruckte Wort konsequent zu verzichten. Ohne auf den Spreeboten in Gänze verzichten zu müssen. Und sein Herausgeber hat mir verraten, dass er, gewissermaßen als Wiedergutmachung, im selben Monat eine Eiche pflanzen will. Nur wo, das wollte er nicht preisgeben. „Sonst muss ich womöglich erst noch eine ‚Baumpflanzgenehmigung‘ einholen. Schließlich leben wir in Deutschland.“ Wenn er sich bloß keines der postwinterlichen „Pflanzlöcher“ auf unseren Straßen aussucht, das wäre meine größte Sorge. Die einzigen, die dieser Nachricht nichts Gutes abgewinnen können, sind die Dart-Kumpels von meinem Ollen. Von wegen der Bonzen-Bilder. Aber ich hab‘ denen schon immer gesagt: So was tut man nicht. Nach Menschen mit Pfeilen werfen! Auf mein Tablet werde ich natürlich von nun an höllisch aufpassen müssen, das kriegen sie nicht als Zielscheibe. Und wenn ich mal wieder an einem Stapel werbunggewordenen Großgrüns vorbeikomme, denke ich bestimmt an meinen neuen Freund, den kleinen Spreebotenbaum.

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