Symptome ernst nehmen, auch in Corona-Zeiten

    Bei einem Schlaganfall wird das Gehirn infolge einer Durchblutungsstörung oder Blutung plötzlich nicht mehr ausreichend mit Sauerstoff versorgt: Schon nach wenigen Minuten sterben unwiederbringlich Nervenzellen ab. Um das Leben und die Selbständigkeit des Betroffenen zu retten und anhaltende gravierende Schäden möglichst zu vermeiden, ist schnellstmöglich eine medizinische Behandlung erforderlich. Doch offensichtlich aus Angst vor einer Ansteckung mit dem Covid-19-Virus im Krankenhaus zögern derzeit manche Patienten und deren Angehörige, den Notruf zu wählen, was lebensgefährliche Folgen haben kann.

    Im Ernstfall Schlaganfall zählt jede Minute. Der Sinnspruch „Time is Brain“ (Zeit ist Hirn) trifft es auf den Punkt, denn je früher ein Patient medizinisch versorgt wird, umso besser sind seine Chancen, dass er den Schlaganfall ohne größere Beeinträchtigungen übersteht.
    „Wir beobachten derzeit allerdings mit großer Sorge, dass Betroffene die Warnzeichen des Schlaganfalls und auch des Herzinfarkts aus Angst vor Covid-19 nicht ernst nehmen und zum Teil erst sehr spät ins Krankenhaus kommen“, sagt Priv.-Doz. Dr. med. Konstantin Prass, Chefarzt der Klinik für Neurologie im Helios Klinikum Bad Saarow. „Doch die Angst ist unbegründet. Sowohl die Untersuchung als auch die stationäre Behandlung von Corona-Verdachtsfällen und -Infizierten erfolgt räumlich streng getrennt von anderen Patienten. Unsere Notfallversorgung ist weiterhin rund um die Uhr gewährleistet“, betont Priv.-Doz. Dr. Prass.

    Welche Symptome beim Schlaganfall?
    „Zu den typischen Symptomen eines Schlaganfalls zählen eine plötzliche einseitige Lähmung, die eine gesamte Körperhälfte oder nur einen Arm, ein Bein oder eine Hand betreffen kann. Auch ein einseitiges Taubheitsgefühl in Arm, Bein oder Gesicht, ein einseitig herabhängender Mundwinkel und eine gelähmte Gesichtshälfte können auf einen Schlaganfall hindeuten“, erklärt Priv.-Doz. Dr. med. Konstantin Prass.

    Darüber hinaus gehören Sehstörungen wie verschwommenes, doppeltes oder eingeschränktes Sehen, Sprech- und Schluckstörungen, Störungen des Gleichgewichts (unsicherer Gang und Schwindel) sowie plötzlich auftretende, extreme Kopfschmerzen, die zum Teil von Übelkeit begleitet werden, zu den Anzeichen.
    „Sobald eines dieser Symptome auftritt, sollte sofort die Nummer des Notrufs 112 gewählt werden“, appelliert der Neurologe.

    „Aber auch eine nur vorübergehende Lähmung, eine kurze Sprach- oder Sehstörung können mögliche Vorboten eines großen Schlaganfalls sein und sollten dringend ernst genommen werden. Man nennt sie „TIA“, die transitorische ischämische Attacke, die dem Schlaganfall vorausgeht. Die rasche medizinische Betreuung mit Sicherung der Diagnose und Behandlung auf einer sogenannten „Stroke Unit“ (Schlaganfallspezialstation) können das Schicksal eines Schlaganfalls häufig abwenden“, so Priv.-Doz. Dr. Prass.

    FAST-Test hilft, Symptome zu erkennen
    Wenn jemand bei einem anderen Schlaganfall-Anzeichen bemerkt, hilft ganz schnell der einfache FAST-Test, um zu prüfen, ob der Betroffene einen Schlaganfall erlitten hat.

    Die Abkürzung FAST steht für Face (Gesicht), Arm (Arme), Speech (Sprache) und Time (Zeit). Wenn nur eine der folgenden drei aufgeführten Reaktionen auffällig ist, muss sofort der Notruf 112 gewählt werden.

    • Face: Bitten Sie den Betroffenen um ein Lächeln. Verzieht sich das Gesicht einseitig, deutet das auf eine Gesichtslähmung hin.
    • Arm: Bitten Sie den Betroffenen, die Arme nach vorne zu strecken und dabei die Handflächen nach oben zu drehen. Bei einer einseitigen Lähmung kann ein Arm das nicht mitvollziehen.
    • Speech: Bitten Sie den Betroffenen, einen einfachen Satz nachzusprechen. Gelingt dies nicht oder nur undeutlich, ist dies als Warnsignal zu werten.
    • Time: Jetzt zählt jede Minute. Wählen Sie sofort den Notruf!

    Schlaganfall-Spezialzentrum
    „Unser Klinikum ist auf die Behandlung des Schlaganfalls spezialisiert und bietet mit einer hochmodernen Angiographie-Anlage, entsprechenden Kathetermaterialien und der Verfügbarkeit eines interdisziplinären Ärzteteams aus erfahrenen Neurologen, Neuroradiologen, Gefäßmedizinern und Anästhesisten beste Voraussetzungen“, betont Priv.-Doz. Dr. Prass. Seiner Klinik ist eine sogenannte Stroke Unit, eine spezialisierte Schlaganfallstation, angeschlossen. Hier kümmert sich ein interdisziplinäres Team um die gesamte Versorgung des Schlaganfallpatienten – von der Akuttherapie über die frühe Rehabilitation bis hin zu sozialdienstlichen Leistungen. Das verbessert die Überlebenschancen enorm und kann oft Folgeschäden deutlich verhindern.

    Schlaganfall-Therapie
    Ziel der Schlaganfalltherapie ist es, möglichst schnell die Durchblutung im Hirn durch die Wiedereröffnung der verschlossenen Arterie wiederherzustellen. Das kann durch ein Gerinnsel auflösendes Medikament (Thrombolyse) und mittels eines Kathetereingriffs (Thrombektomie) erfolgen. Hierbei wird ein dünner Katheter meist von der Leiste aus an den Verschluss gebracht. Von dieser Stelle aus kann man mit verschiedenen Werkzeugen den Blutpfropf direkt aus dem Gefäß entfernen und somit die Durchblutung des Gehirns unmittelbar wiederherstellen. Dieser Eingriff wird meist in Narkose durchgeführt.

    „Die akute Notfall-Thrombektomie gewährleisten wir in unserem Klinikum rund um die Uhr, also auch in der Nacht, an den Wochenenden sowie an Sonn- und Feiertagen“, erläutert Dr. med. Hildegard Gräfe, Chefärztin des Instituts für Neuroradiologie im Bad Saarower Klinikum. „In den letzten Jahren ist die Technik der endovaskulären Gefäßeröffnung bei Patienten mit schweren akuten Schlaganfällen deutlich verbessert worden. Das heißt, dass wir mit den heutigen Systemen, bspw. mit dem Stentretriever, in fast allen Fällen schnell und vollständig das Blutgerinnsel aus dem Hirngefäß entfernen können“, fügt die Expertin hinzu.

    Vorsicht kann lebensgefährlich sein!
    „Wer die Anzeichen eines Schlaganfalls oder eines Herzinfarkts verdrängt, weil er Sorge hat, sich im Krankenhaus mit dem Corona Virus anzustecken, riskiert dauerhafte Beeinträchtigungen und im schlimmsten Fall sein Leben“, sagt Dr. med. Jens Osel, Ärztlicher Direktor im Helios Klinikum Bad Saarow. „Die falschverstandene Vorsicht ist zudem unbegründet, da wir in unserem Klinikum strengste Vorkehrungen getroffen haben, um unsere Patienten und Mitarbeiter vor dem Covid-19-Virus zu schützen“, so Dr. Osel. Insgesamt wurden im Bad Saarower Klinikum bis jetzt vier Patienten mit einer Covid-19-Erkrankung behandelt.

    Gut zu wissen …
    Grundsätzlich kann ein Schlaganfall jeden zu jeder Zeit treffen, dennoch gibt es einige Faktoren, die einen Schlaganfall begünstigen können. Die gute Nachricht dabei ist: Man kann einige dieser Risikofaktoren ausschalten bzw. senken, um das eigene Schlaganfall-Risiko um bis zu 70 Prozent zu reduzieren.

    Risikofaktoren für einen Schlaganfall
    Rauchen, Alkohol, Stress, hoher Blutdruck, eine ungesunde Ernährung und Bewegungsmangel sind Risikofaktoren, die einen Schlaganfall begünstigen. Zwei Schlaganfall-Risikofaktoren sind allerdings unbeeinflussbar: Alter und Geschlecht.

    Mit zunehmendem Alter steigt das Schlaganfallrisiko stark an. Mehr als 80 Prozent aller Betroffenen sind älter als 60 Jahre. Daher gehört der Schlaganfall zu den häufigsten Krankheiten im Alter. Frauen sind im Schnitt 75 Jahre alt, wenn sie einen Schlaganfall erleiden, Männer sind mit circa 68 Jahren deutlich jünger.
    Von den durchschnittlich 270.000 Schlaganfällen pro Jahr sind Frauen mit 55 Prozent stärker betroffen. Gründe: Eine Schwangerschaft kann das Risiko eines Schlaganfalls erhöhen und auch hormonelle Verhütungstherapien (z. B. Anti-Baby-Pille) können die Entstehung von Blutgerinnseln begünstigen.

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