Wer hilft uns, wenn wir hilflos sind?

    Fürsorglich, allzeit bereit und kompetent: Werden Roboter unsere Gefährten sein, sobald wir uns in pflegebedürftigen Lebensphasen befinden? Was werden die Maschinen alles vollbringen können und wo stoßen sie an ihre Grenzen? Robotische Unterstützung wird uns künftig in immer mehr Alltagssituationen begegnen, jedoch löst dies bereits heute bei vielen Menschen gemischte Gefühle aus. Beim 23. Berliner Kolloquium der Daimler und Benz Stiftung diskutieren Wissenschaftler aus Informatik, Robotik, Pflegewissenschaft, Psychologie und Philosophie über den Einsatz von Robotern in der Pflege – die politische Perspektive wird Prof. Dr. Karl Lauterbach, Mitglied des Deutschen Bundestags, darlegen. Wissenschaftlicher Leiter der interdisziplinären Veranstaltung ist der Informations- und Maschinenethiker Prof. Dr. Oliver Bendel.

    Stiftung: Auf unsere Gesellschaft rollt ein demografischer Tsunami zu: Im Jahr 2030 werden etwa 3,6 Millionen Menschen in Deutschland auf Betreuung angewiesen sein. Können wir ohne die Hilfe von Pflegerobotern überhaupt auskommen?
    Bendel: Pflegenotstände lassen sich nicht durch Robotik lösen. Allerdings kann der Einsatz von Pflegerobotern die tägliche Arbeit der Pfleger und zugleich den Alltag der Patienten erleichtern. Wir müssen erforschen, an welchen Stellen Roboter sinnvoll eingesetzt werden können.

    Stiftung: Was können wir uns unter einem Pflegeroboter vorstellen?
    Bendel: Wie ein Industrieroboter, der in der industriellen Produktion eingesetzt wird, arbeitet ein Pflegeroboter im Bereich Betreuung und Pflege.
    Stiftung. Können Sie sich vorstellen, von Pflegerobotern gewaschen, versorgt und unterhalten zu werden?
    Bendel: Ja, absolut. Aber ich möchte Menschen und Roboter um mich herum haben. Der Pflegeroboter soll als eine Art Sklave fungieren, dem ich Befehle zurufen und Aufgaben übertragen kann. Keinesfalls möchte ich jedoch mit einem Roboter abgespeist werden, beispielsweise bewegungsunfähig in eine Roboterwaschstraße geschoben werden oder als Demenzpatient ein Robotertier zum Kuscheln in den Arm gelegt bekommen.

    Stiftung: Wie gehen andere Kulturen mit dem Themenfeld der Pflegerobotik um?
    Bendel: Die meisten Innovationen kommen aus Asien, speziell aus Japan und China. Gerade China kann neue Technologien aufgrund mangelnden Datenschutzes einfach umsetzen.

    Stiftung: Wie steht Deutschland im internationalen Vergleich dar?
    Bendel: Ich habe den Eindruck, dass sich Deutschland mit seinen Ideen oftmals verzettelt. Man probiert jahrelang herum und kommt dann doch nicht in den Markt. Die Ideen sind gut, mit der Umsetzung hapert es.

    Stiftung: Wo sehen Sie moralische Grenzen?
    Bendel: Ethische Überlegungen sollten von konkreten Lösungen ausgehen. Pauschale Beurteilungen schaden eher. In vielen Fällen verbessern Pflegeroboter die persönliche und verschlechtern die informationelle Autonomie.

    Stiftung: Welche Entscheidungen kann ein Roboter guten Gewissens allein treffen?
    Bendel: Er sollte grundsätzlich nur Entscheidungen treffen dürfen, die wenig komplex sind und in geschlossenen oder halboffenen Räumen stattfinden.

    Stiftung: Und was wird ein Roboter niemals können?
    Bendel: Das ist eine große Frage. Ich denke, er wird niemals fühlen und leiden, er wird auch kein (Selbst-)Bewusstsein haben.

    Stiftung: Welchen Stellenwert müssen Robotik und Künstliche Intelligenz künftig in der Ausbildung von Medizin- und Pflegeberufen einnehmen?
    Bendel: Menschen in diesen Berufen brauchen einerseits Grundkenntnisse und Überblickswissen, müssen aber auch Funktionsweisen der Informationstechnik verstehen. Sie müssen sich mit der Bedienung hochkomplexer Systeme auskennen und betriebswirtschaftliche Aspekte einbeziehen können.

    Stiftung: Pflegerobotik ist eine gesamtgesellschaftliche Thematik. Zur Veranstaltung haben Sie auch Karl Lauterbach eingeladen. Was erwarten Sie vonseiten der Politik?
    Bendel: Herr Lauterbach ist ein Experte für unser Themenfeld. Ich erwarte von ihm fachliche Einschätzungen zu künftigen gesetzlichen Regelungen, politische Visionen für unsere Gesellschaft und Aussagen, welche finanziellen Töpfe beim Thema Pflegerobotik wofür vorgesehen sind – etwa für Lehrstühle in der Robotik.

    Stiftung: In der Pflege geht es um viel Geld. Müssten zum jetzigen Zeitpunkt auch schon die Krankenkassen aktiv werden?
    Bendel: Krankenkassen sollten grundsätzlich Verfahren unterstützen, die den Menschen nachweislich helfen.

    Stiftung: Welche Zielsetzung verfolgen Sie insgesamt mit dem 23. Berliner Kolloquium und der engen Kooperation mit der Daimler und Benz Stiftung?
    Bendel: Ich möchte, dass wir vom allgemeinen Gerede wegkommen und endlich konkret werden. Auf der Veranstaltung wird von Entwicklungen zu hören sein, die wir zum jetzigen Zeitpunkt nicht erwarten, zum Beispiel im Bereich Maschinenethik. So werden wir gemeinsam neue Aspekte kennenlernen, die noch nicht ausführlich in den Medien besprochen worden sind.

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