Mitte Oktober hat der Europäische Gerichtshof (EuGH) über den Fall einer großen niederländischen Apothekenkette verhandelt und entschieden: Für ausländische Versandapotheken gilt die in Deutschland festgeschriebene Arzneimittelpreisbindung nicht. Das heißt, sie können – im Gegensatz zu deutschen Apotheken – auf verschreibungspflichtige Medikamente Rabatte geben und diese günstiger verkaufen. Die Landesapothekerkammer Brandenburg klärt auf, welche Auswirkungen das Urteil langfristig auf die Patienten hat.

Rabatte für Arzneimittel: Eine gute Entscheidung?

Auf den ersten Blick mag die Entscheidung des Europäischen Gerichtshofes nicht schlecht klingen: Patienten, vor allem diejenigen, die permanent auf mehrere Medikamente angewiesen sind, bestellen künftig einfach im Ausland und beziehen ihre verschreibungspflichtigen Arzneimittel günstiger, weil dort die gesetzliche Zuzahlung zumindest teilweise entfallen kann. Doch der Blick allein auf den Preis ist zu kurzsichtig, wie inzwischen auch Verbraucherschützer warnen. Denn: Es geht hier nicht um Ihr Auto, sondern um Ihre Gesundheit. Mögliche Folge: Krankenkassen schließen Einzelverträge mit Apotheken

Warum soll eine Krankenkasse hinnehmen, dass Rabatte für Arzneimittel, die von ihr im Wege der Kostenerstattung beglichen werden, nicht ihr zur Verfügung stehen?

Warum soll ein Patient, der zuzahlungsbefreit ist und dessen Arzneimittel vollständig von der Solidargemeinschaft bezahlt wird, Geld auf Rezept verdienen? Damit die Krankenkasse in den Genuss der ihr zustehenden Rabatte kommt, könnte sie Einzelverträge mit Apotheken schließen. Dann muss der Patient Rezepte über verschreibungspflichtige Arzneimittel ausschließlich in der Apotheke, mit der seine Krankenkasse einen Vertrag geschlossen hat, einlösen und der finanzielle Vorteil ist passé.

Können Sie Gesundheit kaufen?

Nach dieser Entscheidung greifen Marktparameter bei der Ware Gesundheit – Angebot und Nachfrage bestimmen den Preis. Wohnen Sie auf dem Land oder sind Sie krank und benötigen dringend ein Arzneimittel, steigt der Preis. Kommen Sie mit Ihrem fiebrigen Kind vom Arzt, sind die benötigten Arzneimittel teurer. Im Übrigen steht die Honorierung der Ärzte mit diesem Urteil genauso zur Disposition: Dass dann „Arztbesuche im Internet“ billiger sind, ist nur eine Frage der Zeit. Schlimmste Auswirkung: Keine flächendeckende Versorgung. Der wohl gravierendste Nachteil, der die Patienten nach und nach treffen würde, ist der sukzessive Wegfall der Vor-Ort-Versorgung. Mit dem Verschwinden der Apotheken und Arztpraxen wären auch die flächendeckende medizinische Beratung und Arzneimittelversorgung nicht mehr gegeben. Eben diese wohnort- und zeitnahe Versorgung können Versandapotheken, die im Ausland ihren Sitz haben, nicht gewährleisten.

Gibt es eine Lösung für diese Situation?

Die Entscheidung des Europäischen Gerichtshofes hat unterschiedliche Reaktionen hervorgerufen. Hier ist nicht nur zu berücksichtigen, dass die flächendeckende Arzneimittel- und medizinische Versorgung erhalten bleiben, sondern auch, dass der Eingriff der Europäischen Union in unsere nationale Kompetenz nicht unser deutsches Gesundheitssystem an das niedrigste europäische angleicht. Insofern erscheint ein Verbot des Versandhandels mit verschreibungspflichtigen Arzneimitteln – frei verkäufliche Arzneimittel sind von dieser Entscheidung nicht berührt – am sinnvollsten, wie es in drei Viertel aller Mitgliedsstaaten der EU geregelt ist. Wenn nicht, kann es passieren, dass am Ende doch der Patient wieder der Leidtragende ist.

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