Dr. Peter-Michael Diestel im Gespräch mit Gerlinde Stobrawa

Das Scharwenka Kulturforum in Bad Saarow steht im Mittelpunkt einer neuen Veranstaltungsreihe mit dem wohlklingenden Namen „Hör mal zu“. An mehreren Abenden werden Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, auch aus der unmittelbaren Region, in einem gemütlichen Ambiente und natürlich im lockeren Gespräch vorgestellt. Zum Auftakt der neuen Reihe konnte man den letzten Innenminister der DDR, Dr. Peter-Michael Diestel gewinnen. Der kleine überschaubare Saal war bis auf den letzten Platz gefüllt und Gerlinde Stobrawa führte durch den Abend. Natürlich ging es in erster Linie um die Person Peter-Michael Diestel und um die Erlebnisse, die ihn geprägt haben. Die Gäste waren besonders gespannt auf die Ausführungen rund um sein letztes Amt in der DDR. Diestel war vom 18. März 1990 bis zur Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990 der letzte Innenminister der DDR. Zeitzeugen aus dem inneren Zirkel der Macht dieser Zeit, dazu zu bewegen, aus ihrem Erlebnissen zu berichten, fällt oft schwer. Dr. Peter-Michael Diestel ist da ganz aus einem anderen Holz geschnitzt. Er hat damit überhaupt keine Berührungsängste und viele Gäste des Abends wussten auch schon das eine oder andere Detail aus seinem Buch „Diestel – Aus dem Leben eines Taugenichts?“. Viele Persönlichkeiten, die seinen Weg kreuzten, wie der Drehbuchautor und Regisseur Wolfgang Kohlhaase, Gregor Gysi, Helmut Kohl oder Oskar Lafontaine, um nur einige zu nennen, haben seine Sichtweise auf bestimmte Dinge geprägt. Zu vielen dieser Persönlichkeiten pflegt er heute noch eine respektvolle Freundschaft. Das Wissen um viele Begebenheiten macht ihn natürlich interessant, beispielsweise seine Ernennung zum Innenminister am Vormittag und dann das Betreten der Stasizentrale in der Ruschestraße in Berlin am Nachmittag. Das war ein Schlüsselerlebnis für Diestel, denn er war in seiner Armeezeit bis zum Gefreiten gekommen und stand nun vor Generälen, die die Geschicke der DDR buchstäblich in ihren Händen hielten. Gut erinnern konnte er sich noch an die Sekretärin einer der Generäle, die aufsprang und salutierte, sie war Major und vor ihr stand zwar der Innenminister aber auch der Gefreite. Das war ihm gar nicht so geheuer, aber er sagte auch, das diese ihn von diesem Tag an immer sehr konstruktiv unterstützt hat. Ja, es war eben alles nicht so einfach. Nicht jeder in der Behörde war ein böser Mensch – bis auf Mielke, den hielt Diestel für dumm. „Die Mitarbeiter haben ihre Aufgaben gemacht und ich, der Innenminister, sollte nun die Zentrale abwickeln – eine Mammutaufgabe!“, so Diestel. Oder die Geschehnisse um die Gefängnisrevolte, die er dank seines Verständnisses und seines Charakters friedlich lösen konnte. Wie viele Berater hatte er gehabt, die ihn von einem persönlichen Gespräch mit dem Rädelsführer abrieten… Und was hat es gebracht? Nichts! Er habe seinen Kopf durchgesetzt und verhandelt. Dazu muss man wissen, dass es in der DDR zwei verschiedenen Arten von Knast gab. Den normalen Vollzug und den der Stasi. Beide unterschieden sich durch die Art der Unterbringung. Diestel hat diese unterschiedliche Behandlung ändern können und die Revolte war damit beendet. Zum Thema „RAF in der DDR“ sagte Diestel: „Wer hätte das gedacht? Soweit konnte man gar nicht denken. Wir haben Terroristen im Land? Undenkbar, aber so war es. Wir haben dann unsere Konsequenzen daraus gezogen: Verhaftung.“ Der Abend war historisch gesehen eine einmaligen Gelegenheit, Wissenswertes aus der unmittelbarer Nähe zu erfahren, sozusagen ein „Muss“ für alle politisch Interessierten.

 

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