Zu der beliebten Reihe „Hör mal zu“ mit Gerlinde Stobrawa im Scharwenka Kulturforum haben sich die ehrenamtlichen Mitglieder als Auftakt im neuen Jahr etwas Besonderes einfallen lassen: Viele Kontakte haben es ermöglicht, dass der beliebte und von vielen geschätzte Linken-Politiker der ersten Stunde, Gregor Gysi, an diesem verheißungsvollen Nachmittag noch einen kleinen Zwischenstopp in Bad Saarow eingelegt hat, bevor er dann weiter nach Frankfurt (Oder) zum Neujahrsempfang fuhr. Der Kontakt kam bei einer Veranstaltung zustande, an der auch Wolf D. Hartmann teilnahm. Bei dieser Gelegenheit übergab er das erste Exemplar des Buches „Hilfe, die Russen kommen“ an Gregor Gysi. Dieser zeigte sich überrascht und im weiteren Verlauf des Gespräches wurde eine Einladung im Namen von Gertrud Zucker und Gerlinde Stobrawa ausgesprochen, die Gregor Gysi gern wahrnehmen wollte – nicht nur, weil er Bad Saarow kennt, sondern auch der Erinnerungen wegen. Die Gesprächsrunde, die dann folgte, befasste sich mit dem Inhalt des Buches und im weiteren Sinne mit der Politik Deutschlands gegenüber Russland. Doch zuvor präsentierten Gertrud Zucker und Wolf D. Hartmann ihr Gemeinschaftswerk, das Buch „Hilfe, die Russen kommen“, das ein kleines Lexikon der Russophobie ist. Der Inhalt beschreibt auf amüsante Art die Beziehungen zwischen Deutschen und Russen, alte aber auch neue Sichtweisen der Menschen auf dieses Land. Die Geschichte der Beziehung beider Länder in Karikaturen festgehalten hat Gertrud Zucker. Mit ihrem besonderen künstlerischen Blick zeichnete sie voller Leidenschaft Bilder dieser Beziehungen zwischen beiden Ländern. Die vielen Gäste zeigten sich amüsiert und beeindruckt von dem kleinen Büchlein, was zur Folge hatte, dass im Verlauf des Nachmittags alle Exemplare ruckzuck vergriffen waren. Der Wintereinbruch ist in jedem Jahr ein Thema, über das man endlos sprechen könnte – das Warten auf Gregor Gysi ließ die Spannung steigen. Die Vorhut des neuen Vorsitzenden der Europäischen Linken gab im Minutentakt Informationen darüber, wie lange sich die Ankunft noch verzögern würde, da mal wieder ein größerer Unfall auf der Autobahn für Verkehrsbehinderungen sorgte. Aber dann war es soweit: Gregor Gysi kam und wurde mit Standing Ovationes begrüßt. Zu seiner Entschuldigung – typisch Gysi – sagte er, dass es ihm leid täte, aber wer schon mal durch Berlin gefahren sei bei solch einem Wetter, würde wissen, was das bedeute. Ob das vielleicht bedeute, den Verkehrsminister auszuwechseln, bleibe mal dahingestellt. Schön, dass er nun endlich da war, aber das hatte nun leider zur Folge, dass sein Zeitbudget sehr gelitten hatte, er die verbleibende Zeit aber effektiv nutzte. Ein Wiederkommen konnte er nicht versprechen, da er – wie wir alle wissen – sehr stark eingebunden ist, aber vielleicht… Er fragte in die Runde, wie es denn nun ablaufen solle:  Entweder werden Fragen gestellt und er beantwortet diese oder – er ist schließlich Politiker – „ich erzähle das, was ich weiß, unabhängig davon, was sie mich fragen“. Er sprach über das Verhältnis zwischen Deutschland und der Europäischen Union zu Russland. Er prangerte die Unzulänglichkeiten an, dass es die Regierung und auch die EU nicht vermögen, sich darüber bewusst zu sein, was sie da eigentlich tun. Gesichtsverlust wird voraussichtlich die Folge sein. Anhand der Geschichte Europas zeichnete er ein Bild, was einem wirklich bewusst macht, wie nah wir an einer Konfrontation sind. Noch hat man die Möglichkeit, sich wieder anzunähern. Die Regierung in Russland um Putin lässt sich eine Menge bieten, aber sie haben eine gute Strategie, die ihnen hilft, in der Weltgemeinschaft gehört Stimme zu werden – ob wirtschaftlich oder militärisch. Die Sanktionen gegenüber Russland seien der völlige falsche Schritt, denn sie schaden der deutschen Wirtschaft mehr als den Russen. Die russische Wirtschaft orientiert sich weg vom Westen hin zu neuen Wegen. Da werden die Beziehungen zu anderen Nationen ausgebaut, zu China, Saudi-Arabien, Afrika und Lateinamerika, die es so früher nicht gab. Sie wollen einfach nicht mehr so von Europa abhängig sein. Die Folge der Sanktionen der EU ist, dass die Bürger in Russland kein Interesse mehr an der EU haben. Und das bedeutet wiederum, dass sich Putin und Erdogan zusammentun, weil beide aus unterschiedlichen Gründen die EU nicht leiden können – dass hatte aber keiner bedacht, als die Sanktionen beschlossen wurden. Aktuell muss bedacht werden, dass in Amerika bald ein neuer Präsident am Ruder sein wird: Donald Trump – geliebt und gehasst, aber mit Putin wahrscheinlich auf gleicher Welle. Das wird zwar die Interessenskonflikte nicht aufheben, aber es erleichtert vielleicht doch einen Kompromiss in Syrien und der Ukraine. Die Importe aus Russland nach Deutschland betrugen 2008 22,6 Mrd. Euro und 2015 22,8 Mrd. Euro – mit Höhen und Tiefen in der Zeit dazwischen. Allerdings sind die Exporte von Deutschland nach Russland jetzt eingebrochen und von 23,2 auf 18,4 Mrd. Euro gesunken. Gysi findet, aus seiner Sicht man solle die Sanktionen sofort wieder aufheben und sich auf Augenhöhe begeben und das Verhältnis wieder auf eine gesunde Basis stellen. Ärgerlich sei auch, dass die Medien ein Bild von Russland zeichnen, das uns suggerieren soll, dass Russland schlecht sei, dass Putin schlecht sei. Bei einer Umfrage ist das Bild aber ein ganz anderes, die Bürger vertreten nicht die Meinung der Medien und sind mit den Intensionen mehrheitlich nicht einverstanden. Gysi sieht Putin natürlich auch kritisch in seiner Politik im Inneren. Russland war noch nie eine Demokratie, das sollte man nicht vergessen. Aber dann hätte man andere Wege gehen sollen, um an geeigneten Stellen etwas zu sagen. Dies und noch viele andere Beweggründe schilderte Gregor Gysi an diesem späten Nachmittag mit seiner einzigartigen Rhetorik.

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