„Mir war das alles wurscht!“

gerlinde-stobrawa Mit viel Spannung erwarteten die Gäste am vergangenen Freitag im Scharwenka Kulturforum das Gespräch aus der Reihe „Hör mal zu“ mit Gerlinde Stobrawa als Moderatorin und ihrem Gast PD Dr. med. habil. Siegfried Lederer, Chefarzt a.D.

Das Thema war diesmal: „Der Rettungsarzt und seine andere Seite“. Viele werden sich gefragt haben: Was soll das denn für eine andere Seite sein? So ging es uns auch, denn wir kennen Dr. Lederer als Chefarzt der zentralen Notaufnahme und als DAS Aushängeschild des Helios Klinikums Bad Saarow, als „Flying Doc“. Tatsache ist, es gibt eine sehr musikalische Seite an ihm, er ist ein leidenschaftlicher Jazz-Musiker und sein Instrument ist das Banjo – Hut ab! Das hatten wir nicht erwartet. Aber natürlich war diese „Enthüllung“ nicht alles an diesem Abend, Dr. Lederer verband auf amüsante Weise die Musik mit Episoden seines Lebens. Das lockere Miteinander im Scharwenka Kulturforum ist bei den Hörerlebnissen dieser Reihe unvergleichlich. Nicht nur deshalb sind diese Veranstaltungen sehr gut besucht. Gerlinde Stobrawa und Siegfried Lederer verbindet seit Jahren eine innige Freundschaft, demzufolge war auch zu erahnen, dass viele Anekdoten aus vergangenen Tagen zu Gehör gebracht werden. Siegfried Lederer wollte eigentlich nie Arzt werden. Er wollte entweder im Sportlichen – dem Judo war er teilweise verfallen – seinen Weg suchen oder die Musikerlaufbahn als Jazz-Pianist einschlagen. Sein größter Traum aber war es, Flugzeugmechaniker zu werden, der Beruf eines Arztes war jedenfalls nicht sein erster Gedanke. Geboren im schicksalhaften Jahr 1945 in Schlesien, bittere Kälte, Vertreibung durch die anrückende russische Armee, die Familie floh mit Sack und Pack nach Dresden. Noch bevor es losging, wurde er getauft, die Großmutter hielt das für wichtig und diese Verzögerung war wohl auch ihr Glück, denn vom 13. bis 15. Februar 1945 wurde Dresden von den Alliierten in Schutt und Asche gelegt. Weiter verschlug es die Familie dann jedoch nach Leipzig. Dr. Lederer beschrieb seine Kindheit und Jugend als glücklich. Er wollte nie zur Penne gehen und Abitur machen, er wollte bei der aufkeimenden, neu entstehenden Flugzeugindustrie, die sich in Schkeuditz befand, eine Ausbildung zum Flugzeugmechaniker machen. Aber die DDR hatte andere Pläne mit ihm und so musste er widerwillig auf die Oberschule und Abitur machen. Mitunter arbeitete er auch bei den Verkehrsbetrieben in Leipzig und konnte sich mit seinem ersten Geld einen SR e2 kaufen, den er dann später seinem Vater schenkte. Mit Beginn des Studiums begann er auch Musik zu machen, das war zurückzuführen auf ein Erlebnis in seiner Jugend: Er ging in Leipzig auf die Thomanerschule, war zwar kein Thomaner, aber ging mit anderen Kindern und den Thomaner in eine Klasse und war begeistert von deren Streben, musikalisch etwas auf die Beine zu stellen. Ihnen tat er es gleich, gründete eine Band und entdeckte seine Liebe zum Banjo. Das erfordert viel Übung, da dieses Instrument recht schwer zu spielen ist. Aber wie so oft, macht auch hier Übung halt den Meister – bis heute. Das zeigte er auch in der Veranstaltung, zum Beispiel mit dem Titel „Nobody knows the trouble I‘ve seen“. Im Studienort Greifswald ging es gleich zur Sache. Lederer und ein paar Kommilitonen gründeten die „Jazz Doctors College Band“, das ging mit dem Namen schon mal gar nicht – sagten sich die Oberen. Die Genossen aus einer bestimmten Abteilung baten die Mitglieder zu sich und fragten: Was macht ihr denn da für eine Musik? Erklärt haben die Bandmitglieder dann, dass das Lieder der aufstrebenden schwarzen Bevölkerung aus Amerika seien, das wäre fortschrittlich, eben Lieder der Gewerkschaften. Okay, sagten die Genossen, aber der Name geht nicht, da ist viel zu viel Englisch drin. Ins Russische übersetzt, hörte sich der Name einfach nur grässlich an und so ging es dann auch nicht. Folge war, die Band nannte sich „Jazz Club Greifswald“. Diese Formation gab es dann bis zum Ende des Studiums. Man hatte es im Laufe der Zeit mit Professionalität recht weit gebracht, unter anderem kamen auch Manfred Krug und Ruth Hohmann mit ins Spiel, man durfte sogar in Berlin vor den beiden Jazz-Größen als Vorband spielen. Das war eine große Ehre. Um weiter auftreten zu können, sollten die Bandmitglieder Uniform tragen. Das wurde natürlich umgangen – in Teilen der Kleidung, die nun aufgepeppt war, fand die Uniform natürlich Beachtung. Das wurde mit „Du, du!“ am Ende von den Oberen geduldet. Natürlich war nicht nur die Musik wichtig, sondern auch der weitere Fortgang des Studiums. Alle wollten Arzt werden, Lederer empfand das als blöd. Nach ein wenig Druck von außen, revidierte er seine Meinung und beendet mit Erfolg sein Studium, musste dann zur Armee und kehrte nach Beendigung später als Regimentsarzt in die alte Einheit zurück. So richtig angekommen war er allerdings nicht. Sein Plan war: Nach 12 Jahren raus und eine Karriere im zivilen Bereich machen. Jedoch hat die DDR kurze Zeit später ein Gesetz erlassen, das eine 25-jährige Verpflichtung bei den Streitkräften beinhaltete. Damit war alles gesagt. Er machte eine Facharztausbildung als Chirurg, mit dem Ansinnen, wieder zurück nach Leipzig zu gehen. Da in Bad Saarow jedoch keine Chirurgen, sondern Anästhesisten gebraucht wurden… „Nun gut, dann mache ich eben das. Und aus heutiger Sicht war das meine Erfüllung. Der Beruf hat mich geformt und ich bin mit Leib und Seele diesem Beruf treu geblieben“, so Dr. Lederer. Im späteren Berufsleben war Siegfried Lederer beim Karneval und spielte, wie er sagte, tragende Rollen und selbst die Vorgesetzten haben gerne mitgefeiert. „Und eins muss gesagt werden, mein größter Respekt gilt ‚JJJ – Jenosse Jeneral Jestewitz‘, der hat, als es Versuche gab, uns zu zensieren, zu den gewissen Leuten gesagt: ‚Die sind alt genug, die wissen, was sie machen, also lasst das!‘ Uli Nötel hatte immer gefürchtete Büttenreden gehalten: ‚Gut fährt Pneumant, doch jeder Mann wird schnell begreifen: Besser fährt‘s mit Goodyear Reifen!‘ Wir hatten keine Narrenfreiheit, aber man vertraute uns und wir wussten, wo die Grenzen sind“, resümierte Dr. Siegfried Lederer.

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