Musikalisches Fürstenwalde

Fürstenwalder Musikzyklus im Spiegel der Geschichte

Dass Klassik nicht gleich Klassik ist, bewies die künstlerisch außerordentlich couragierte Managerin Anne-Michelle Schieben, die den „Fürstenwalder Musikzyklus“ übernommen hat und damit gleich zu Beginn brillierte. Dabei ist ihr künstlerischer Anspruch und die Leidenschaft zur Musik stets spürbar – immerhin hat sie selbst ein Instrument erlernen dürfen, nämlich das „French Horn“, mit dem sie auch im Orchester aufgetreten ist.
Dem Vernehmen nach hat ihr das gut gefallen. Zudem entstammt sie einer künstlerischen Familie und ist in Kanada groß geworden. Das Studium der Geschichte und der Anthropologie war ebenso richtungweisend und kommt ihr heute zugute. Mit dem Drang, die Welt zu erkunden, zog sie aus Richtung Europa, lebte zeitweise in Frankreich und dann, gleich mit der Wende, hat sie sich in Berlin verliebt. Dieser Aufbruch zu neuen Ufern, erzählt Anne-Michelle Schieben, habe sie inspiriert. Dieses quirlige Berlin mit seinem besonderen Charme hat sie seither nicht mehr losgelassen.Und der Ansporn zur Musikvielfalt überträgt sich ganz gut auf die zahlreichen Musikliebhaber des Musikzyklus. Miterleben, die Begeisterung sehen, hören und fühlen – so war das Konzert im Fürstenwalder Dom im vergangenen Jahr. Mit Hygiene-Konzept und dem nötigen Abstand zwischen den Gästen konnte der Musikzyklus im ehrwürdigen Dom stattfinden. Die beiden jungen Künstler aus der Welt vor unserer Haustür hatten mit ihrem Können eine schöne Gesamtkomposition geschaffen. Ihre professionelle Herangehensweise beschrieb Anne-Michelle Schieben im gemeinsamen Gespräch mit Christian Köckeritz in Bezug auf das im nächsten Jahr stattfindende 750-jährige Stadtjubiläum. Der Musikzyklus soll dabei ebenfalls eine entscheidende Rolle spielen. Das schnöde Weitermachen, das liegt ihr nicht so im Blut, sie möchte begeistern, neue Wege beschreiten und die Menschen für die Musikgeschichte begeistern. Dabei ist sie ganz schön unterwegs, um Künstler zu finden, die ebenfalls den Drang verspüren, etwas Neues zu wagen. Und dabei geht sie ganz unkonventionelle Wege, um diese Künstler zu finden. „Es hat mit Wissen, Musikverständnis, Muse, Fingerspitzengefühl und Takt zu tun – und dann folgt die Chemie, die muss natürlich auch stimmen“, beschrieb sie ihre Empfindungen bei der Suche nach dem Besonderen. Bei den Vorbereitungen ist ihr Augenmerk darauf gerichtet, Künstlern der Region eine Möglichkeit zu bieten, ihr künstlerisches Können unter Beweis zu stellen. Denn sie sind es, die durch die Pandemie immens in Mitleidenschaft gezogen worden sind.

Zum Stadtjubiläum gibt es für den Musikzyklus schon greifbare Inhalte, die einfließen werden. Man orientiert sich natürlich an der Stadtgeschichte. Beginnen soll alles im Gesamtgefüge immer an einem 3. Sonntag im Monat. Das erste Konzert, so sind die Vorstellungen, soll die früheste Zeit Der Stadt darstellen und mit „Gregorianischen Gesängen“ beginnen, vielleicht in Verbindung mit dem Jagdschloss. Letzteres steht allerdings so noch nicht fest, denn für diese Art Musik bräuchte man schon einen besonderen Ort wie den Dom, wo sich der Gesang akustisch entfalten kann. Mit Licht Interpretationen will man diese Besonderheit weiter unterstreichen.

Mit einem Sprung in die Geschichte der Stadt untermauerte Christian Köckeritz den Spagat zwischen Kunst, Historie und Musik und erinnerte dabei auch an die unmittelbare Verknüpfung. Musik war schon immer eine Ausdrucksweise für das Leben schlechthin. Bei archäologischen Ausgrabungen traten Musikgegenstände zutage, die man den Menschen der Frühzeit zuschrieb. Spätestens mit der ersten urkundlichen Erwähnung Fürstenwaldes als Bischofssitz um 1389 gab es auch einen Kirchenchor, der für Musik und Gesang sorgte. Ein schönes Beispiel für diese Zeit spiegelt sich im Straßennamen „Kunstpfeifergasse“ wider. Was es damit auf sich hat, werden wohl nur die wenigsten wissen. Der Kunstpfeifer war einst derjenige, der um 12 Uhr vom Kirchturm die Mittagszeit verkündete und bei anderen Festivitäten, wenn gewünscht, mit dabei war.

Im späteren Verlauf, mit der Einführung der Schulpflicht durch das Land Preußen, bildeten sich Schulchöre. Die Leitung lag zumeist in Kirchenhand, denn die Kirchen hatten die Lehrer, die sich um die Bildung kümmerten. Soweit man erfahren konnte, war ihr Einkommen jedoch überschaubar. Obwohl Schulpflicht bestand, waren doch die gesellschaftlichen Unterschiede zu spüren, in erster Linie ging es um die Versorgung von Heim und Hof, erst danach kam die Schule. Als Leiter des Schulchores konnten sich die Lehrer ein Zubrot verdienen und waren mit ihren Schulchören auf Kirchenfesten, Hochzeiten, Beisetzungen und anderen Festivitäten geschätzt. Geschichtlich verbrieft ist ein Auftritt von Franz Liszt, der 1841/42 in Berlin auf Konzertreise war, dort erlebt wurde von Fürstenwaldern und von ihnen gebeten wurde, in die Stadt zu kommen. Im Zuge der Erschließung mit der Bahn kam Franz Liszt tatsächlich und gab zu Ehren der „Armen“ ein Konzert vor 232 Zuschauern, die wiederum für damalige Verhältnisse einen hohen Eintritt bezahlten und somit die ärmeren Mitbürger unterstützten.

Im 19. Jahrhundert entstanden unzählige Gesellschaftshäuser, wie die Harmonie, das Alhambra oder das Reichsheim, um nur einige zu nennen. Dort tobte das Leben mit Platzkonzerten und Tanzveranstaltungen, die Atmosphäre soll laut Fotos grandios gewesen sein. Nebenbei entwickelten sich in Fürstenwalde dann später viele Schalmeien- und Mandolinen-Kapellen, die das musikalische Verständnis weiter vorantrieben. Auch ein Musikinstrumentenhersteller für Klaviere, die Firma Teschner, war hier zu Hause. Wir sollten doch wirklich alle öfter ins Museum gehen, um mehr über die Geschichte der Stadt Fürstenwalde zu erfahren, da gibt es wirklich so viel zu erfahren und zu entdecken.

Die Militärvergangenheit mit ihren zahlreichen Kapellen sorgte ebenfalls für musikalische Höhepunkte. In der neueren Zeit waren die Parkbühne, der Parkclub und der Fürstenwalder Hof beliebte Locations zum Feiern. Ob Puhdys, Karat oder Mud, auch das Parkfest sowie bei Kino-Veranstaltungen ging die Post ab. Mit diesen vielen Informationen im Gepäck wird der Musikzyklus die Musikgeschichte der Stadt nachzeichnen und mit einbeziehen.
Weitere Konzerte sollen, soweit möglich, im Rathaussaal des Alten Rathaus stattfinden. Im Foyer wird es eine Ausstellung zu jedem Konzert geben. Erwogen wird auch, die Schulen sowie die Musikschule „Jutta Schlegel“, die im nächsten Jahr übrigens 60 Jahre wird, mit in die Musikideen einzubinden. Das würde die Geschichte der Stadt lebendiger und erlebbarer machen und zum Geschichtsverständnis unserer Stadt beitragen.

Themen gibt es jedenfalls genug, da waren sich Anne-Michelle Schieben und Christian Köckeritz einig. Mit Kirchenmusik, Barockmusik, osteuropäischen Klängen und Einbindung von Chören möchte man Akzente setzen. Nachgedacht wird über ein Sonderkonzert zu Ehren von Franz Liszt. Das Scharwenka Kulturforum in Bad Saarow, das sich um das Werk von Xaver Scharwenka kümmert, ist gedanklich mit einbezogen und die Zusammenarbeit wird weiter forciert. Und auch das 1. Gardeblasmusikkorps könnte zu den Feierlichkeiten mit einbezogen werden – vielleicht sogar mit einem Platzkonzert. Weiterhin ist es positiv, dass die Künstler, mit denen man schon jetzt gesprochen hat, ihrerseits signalisiert haben, für das kommende Jahr zur Verfügung zu stehen. Einen Überraschungskünstler wird es zudem auch geben. Schade, dass beide, Schieben und Köckeritz, partout nicht sagen wollten, um wen es sich handelt. Nur so viel haben sie preisgegeben: Es ist ein Kind der Stadt und in der Welt unheimlich gefragt. Aber das ist noch alles halbwegs Zukunftsmusik und entscheidet sich je nach pandemischer Lage.

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