Fürstenwalde Helau!

Es steht Fürstenwalde gut zu Gesicht, wenn es seine Ortsteile mit in das Geschehen einbezieht. Am vergangenen Freitag fand in Trebus, im Restaurant Seeblick, der diesjährige Neujahrsempfang der Stadt Fürstenwalde statt. Der Seeblick ist geradezu dafür prädestiniert, solche Empfänge auszurichten. Hoch über dem See thront die Gaststätte mit einer wunderschönen Terrasse, die gern und oft genutzt wird – von einheimischen Gästen und Urlaubern gleichermaßen. Der Neujahrsempfang ist einer der ersten wichtigen Termine im Jahr. Viele Gäste aus Wirtschaft und Politik waren der Einladung gefolgt und wurden von Bürgermeister Hans-Ulrich Hengst herzlich begrüßt, der dann mit seiner traditionellen Neujahrsrede den Abend eröffnete.

Auszüge aus der Rede des Bürgermeisters:

Trebus Helau, Fürstenwalde Helau, so beginnen von dieser Bühne die meisten Reden und obwohl ich kein Kabarettist oder Karnevallist bin, habe ich in Vorbereitung dieser Rede manchmal gedacht, wie schön es wäre, wenn ich das Jahr 2016 so pointiert wie Dieter Nuhr oder Bernd Stelter Revue passieren lassen könnte. (…) Es hat sicherlich nicht nur daran gelegen, dass „die Welt scheinbar aus den Fugen geraten ist!“ Allein Zyniker, Terrorismusexperten und Comedians könnten auf ihre Kosten gekommen sein und würden das Jahr 2016 wahrscheinlich als „ertragreich“ bezeichnen. Für uns Normalverbraucher war es ein ziemlicher Tiefschlag. Diejenigen, die nach dem Flüchtlingsjahr 2015 nun eine gewisse Konsolidierung und Beruhigung erwartet hatten, wurden enttäuscht. Der Brexit war Wasser auf die Mühlen der Eurokritiker und Globalisierungsgegner. Und die Wahl von Donald Trump kam – zumindest für die Gralshüter der Leitmedien der deutschen Presselandschaft – überraschend. Auch heute, eine Woche vor der offiziellen Amtsübernahme, sind wir nicht schlauer, welche politischen Ambitionen der zukünftige amerikanische Präsident hegt. (…) Einerseits vermute ich, dass der designierte Präsident begrenzte Handlungsoptionen hat und wir deshalb keine absurden oder gefährlichen Entscheidungen zu befürchten haben. Andererseits ist diese Wahl auch ein einzigartiges Beispiel für das Wort des Jahres 2016: Postfaktisch! (…)
All jenen, die Verantwortung tragen und sich dessen bewusst sind, ist klar, dass viele Dinge länger dauern und schwieriger sind, als sich das alle wünschen. Das trifft auf so manches Bauvorhaben ebenso zu wie auf die Entscheidung zu den Altanschließerbeiträgen. Auch hier gibt es nicht die eine richtige Entscheidung, die nun endlich umgesetzt werden muss. Denn das, was für eine Interessengruppe logisch und richtig erscheint, ist für eine andere Gruppe, möglicherweise die Mehrheit, in jedem Fall nachteilig. Aufgabe der Kommunalpolitiker ist es, im Zeichen eines bevorstehenden Wahlkampfes, Entscheidungen für die Mehrheit der Menschen in unserer Stadt zu treffen. Es gilt dem Drängen und Rufen einzelner zu widerstehen, auch wenn diese sich lauter und effektvoller Gehör verschaffen oder die Macht der sozialen Medien geschickter nutzen als die oft schweigende Mehrheit. Es muss der Maßstab unseres Handelns sein, ob auch nachfolgende Generationen unsere Entscheidung als klug und weise oder als Klientelpolitik einschätzen werden.
In der Hoffnung auf kluge und weise Entscheidungen: Ein donnerndes Trebus Helau und Fürstenwalde Helau. (…)
Die an sich gute Idee, einen Landrat persönlich und direkt in einer Wahl durch die Bürgerinnen und Bürgerinnen einer Region zu bestimmen, ist nicht nur hier im Landkreis Oder-Spree an der Wahlbeteiligung gescheitert. Die einen meinen, man hätte besser und intensiver werben müssen, die anderen winken müde ab, „weil Politik eh von denen da oben gemacht wird“. Wenn Erfahrung, Pragmatismus und ein ruhiges Herangehen an die Problemlösung bereits als Merkmale des „Establishments“ verpönt sind und wenn man, wie bei Trump, auf den Charme des Unverbrauchten und Ahnungslosen setzt, dann hilft auch ein Trebus Helau und Fürstenwalde Helau nicht mehr. (…)
Die Frage bleibt – ganz unabhängig vom finanziellen und personellen Aufwand einer solchen Wahl – ob diese angebotene Form der Mitbestimmung wirklich greift. Dies müssen wir uns auch bei anderen Beteiligungsformen fragen. Das Bürgerbudget ist im vergangenen Jahr mit rund 90 Vorschlägen gut angenommen worden. Auch die inhaltlichen Diskussionen zu unserem integrierten Stadtentwicklungskonzept haben bei den Fachleuten viel Zustimmung gefunden. Ob sich dies in gleicher Weise auf Bürgerdialoge oder Kinder- und Jugendbeteiligung übertragen lässt, müssen wir gemeinsam in diesem Jahr ausprobieren und dann bewerten. Große Zustimmung dürfte aber der MAERKER finden, ein Portal zur Meldung von Infrastrukturmängeln durch Jedermann, dass wir in diesem Frühjahr einführen wollen und mit dem es bereits in vielen Nachbarkommunen sehr gute Erfahrungen gibt.
Ein sehr trauriger Schlusspunkt des Jahres 2016 war das Attentat auf den Weihnachtsmarkt an der Gedächtniskirche, das auch uns Brandenburger sehr berührt hat. Viele hat auch die Zerstörung unseres Gerhard-Goßmann-Denkmals in der Silvesternacht berührt. Wenn rohe Gewalt gegen Kunstwerke direkt im Herzen unserer Stadt verübt wird, wenn kulturelle Werte zerstört werden, die für unsere Stadt identitätsstiftend sind, dann sind Bürgerinnen und Bürger zurecht verunsichert und fragen sich, wie schnell die gezielte Zerstörung von Dingen in Brutalität gegen Menschen umschlagen kann und ob und wie wir dagegen gewappnet sind. Da bleibt vorerst nur die Hoffnung, dass es sich lediglich um einen dummen Jungenstreich gehandelt hat. (…)
Ärmer ist die Stadt Fürstenwalde auch durch die Einstellung der Produktion bei Lacufa sowie die Schließung des Finanzamtes geworden. Wenn es eine tatsächliche Schließung gewesen wäre, hätte man beim Finanzamt ja noch damit leben können, aber lediglich die Verlagerung nach Frankfurt (Oder) tut schon weh. Dass Monate später auffällt, dass es sich bei dem Finanzamtsgebäude um eine Landesliegenschaft handelt, die bewirtschaftet werden will, ist nur eine Kuriosität am Rande dieser Entscheidung. Aber immerhin fragt man jetzt die Stadt, welche Nutzung sie sich für das Gebäude vorstellen kann.
Schlechte Entscheidungen sind auch in und von der Stadt Fürstenwalde getroffen worden, aber natürlich nicht von allen. Die im Jahre 2008 vor der Finanzkrise abgeschlossenen Derivate und langfristigen Zinsbindungen sind ein passender Beleg dafür. Was damals für die Stadt als gutes Angebot und clever erschien, ist es dies aus heutiger Sicht lediglich für die Bank gewesen. Aber so ist es: Hinterher haben es natürlich alle schon vorher gewusst. Und – um die Weisheit des Karnevalisten Lutz Rau zu zitieren: „Närrisch zu handeln, das wäre schlau. Doch das hier ist Mist! Trebus Helau!“
Und weil wir gerade bei Trebus sind: Mit Bedacht hatten wir uns als Örtlichkeit für unseren diesjährigen Neujahrsempfang schon vor geraumer Zeit für unser Restaurant „Seeblick“ in unserem schönen Ortsteil Trebus entschieden. Trebus war seit der letzten Kreisgebietsreform 1993, also seit immerhin 24 Jahren, für 23 Jahre unser einziger Ortsteil.
Wir machen mit dem heutigen Empfang den Trebusern unsere Aufwartung und rücken gern den Fokus auf den Fürstenwalder Norden mit seinem natürlichen See, mit seinen engagierten Vereinen und einem verlässlich arbeitenden Ortsverein. Diese guten Erfahrungen haben auch den Weg bereitet für zwei weitere Ortsteile. Neben Trebus können sich nun auch Molkenberg und Heideland Ortsteil nennen. Damit verbunden ist natürlich der Wunsch, dass die Molkenberger und Heideländer nun ebenso wie die Trebuser Traditionen entwickeln, die zur Bildung einer eigenen Identität im Ortsteil beitragen. Und wer weiß: Vielleicht sind unsere Nachfolger in 24 Jahren von den ca. 1.000 Heideländern in den neuen Anbau der Kita „Heidi II“ oder von den Bergbewohnern in die Seniorenresidenz am Dorfanger zum Neujahrsempfang eingeladen. Darauf ein Trebus Helau, Molkenberg Helau, Heideland Helau, Fürstenwalde Helau.
Von unseren Träumen zurück zu den Fakten – eben gerade faktisch statt postfaktisch. Entgegen aller Prognosen hatten wir Ende des Jahres 2016 wieder rund 33.200 Einwohnerinnen und Einwohner und damit den höchsten Stand seit über 14 Jahren. (…) 327 Kinder wurden 2016 in der Spreestadt geboren und auch auf die Zuzüge aus Berlin und aus dem Umland sowie auf die Rückkehrer aus den anderen Bundesländern können wir stolz sein. (…)
Auch wenn in der bundesweiten Berichterstattung das Flüchtlingsthema im Jahr 2016 umgehend dem Terror Platz gemacht hat, so ist genau dieses Thema 2016 nun wie erwartet auf kommunaler Ebene angekommen. Wir hier in den Kommunen sind diejenigen, die die Integration zu leisten haben und sie auch leisten wollen. Wenn ich mich in Fürstenwalde umschaue, so bin ich stolz und dankbar, dass es uns mit einem bestehenden Netzwerk von Institutionen und Menschen gelungen ist, Geflüchteten hier eine zeitweise oder auch dauerhafte Heimat zu geben. Ich möchte mich an dieser Stelle bei allen bedanken, die in den vergangenen Monaten hauptberuflich und ehrenamtlich Türen aufgemacht und Wege geebnet haben, damit Fürstenwalde nicht nur eine Durchgangsstation ist, sondern Heimat für geflüchtete Männer, Frauen und Kinder werden kann. Ich danke den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in den Verwaltungen und den vielen freien Trägern, den Erzieherinnen und Erziehern in unseren Willkommensklassen und Kitas, die in den vergangenen 12 Monaten dafür gesorgt haben, dass Alltag und Normalität wieder Einzug halten konnte im Leben der Gestrandeten. Und ich danke allen Fürstenwalderinnen und Fürstenwaldern für ihre Ruhe und Besonnenheit und die Erkenntnis, dass ein Mehr an Vielfalt und Buntheit in unserer Stadt ein echter Gewinn und keine Bedrohung für die Gesellschaft ist. Schauen Sie in unsere Feuerwehr. Dort ist eine junge Frau aus Kamerun schon nach wenigen Wochen ein verlässliches Mitglied unserer Freiwilligen Feuerwehr geworden. Dabei steht Carine Stephanie Tchouta, genannt Steffi, nur stellvertretend für viele Neuankömmlinge in Fürstenwalde, die sich integrieren und bleiben wollen.
Auch diese Entwicklung ist ein kräftiges Trebus Helau, Fürstenwalde Helau wert.
(…) Gönnen Sie mir ein paar Anmerkungen zur Kreisgebietsreform. Erstaunlicherweise eignet sich selbst dieses Thema für eine Betrachtung zum Postfaktischen. Bedauerlicherweise ist der Teil der Reform, bei der es um eine Überprüfung und Neuverteilung der Aufgaben zwischen Land, Kreis und Kommunen geht, vor Schreck schon wieder in den Schubladen des Innenministeriums verschwunden. Gerade hier hätten wir uns als Kommune eine Stärkung gegenüber dem Landkreis gewünscht. Geblieben ist eine Fokussierung auf Anzahl der Kreise und Größen von Verwaltungseinheiten. Mit Blick auf die Tatsache, dass die Bürgerinnen und Bürger im Durchschnitt nur alle 8,1 Jahre ihre Kreis- bzw. Stadtverwaltung aufsuchen, wäre weniger Emotion und mehr sachliche Auseinandersetzung angebracht. (…)
Nach all den Dingen, die uns verunsichern oder sogar wütend machen, möchte ich Ihre Aufmerksamkeit auf Aspekte lenken, die uns – trotz allem – für 2017 optimistisch stimmen können. Beginnen möchte ich mit den Aktivitäten unseres geliebten! Landkreises: Der Neubau des KWU-Gebäudes an der Frankfurter Straße bringt eine weitere wichtige Funktion des Landkreises direkt ins Stadtzentrum. Von der umfassenden Sanierung des kreislichen Gymnasiums profitieren in der Mehrzahl Fürstenwalder Schülerinnen und Schüler, die damit deutlich bessere Lernbedingungen vorfinden. Überrascht aber auch beeindruckt sind viele von den ersten Planungen für die neue Spreeoberschule. Dass sich damit der Landkreis als wirklich potenter Schulträger beweist, mag auch die Kritiker versöhnen, die noch vor wenigen Jahren mit der Abgabe der Oberschulen an den Landkreis den Untergang des Abendlandes verbunden hatten. Hinweisen möchte ich auch auf den Neubau des Sitzes der Wohnungsbaugenossenschaft an der Bergstraße, die nicht nur einen sehr attraktiven Firmensitz errichtet, sondern auch über 20 hochwertige Wohnungen im Stadtzentrum geschaffen hat. Froh machen uns natürlich auch die großen Vorhaben von Unternehmen in unserer Stadt, die im Jahr 2016 begonnen, fortgeführt oder vollendet wurden. Erinnern möchte ich Beispielhaft an die Erweiterung der Logistikhallen der Firma Reifen Felgen Logistik an der Langewahler Straße, die Investitionen des Reifenwerks, die 1.000 Arbeitsplätze sichern und den Erweiterungsbau von BONAVA. Dass es diesen und auch allen anderen Unternehmen auch zukünftig gut gehen möge, darauf ein ehrliches Trebus Helau, Fürstenwalde Helau.
Und selbst in manchem Unglück liegt die Chance für einen Neustart. Als ich die Meldung vom Großfeuer auf dem Gelände der KIV Kreis GmbH im Pintschgelände kurz vor Weihnachten erhielt, war ich zunächst schockiert. Bei einem Gespräch mit dem französischen Eigentümer vor Ort am anderen Tag wurde jedoch schnell klar, dass schon eine länger geplante Expansion nun mit noch mehr Nachdruck auf den Weg gebracht werden soll. (…) Kurz erwähnen möchte ich auch unsere großen städtischen Projekte für das Jahr 2017. Wir sind verhalten optimistisch, dass es uns gelingt, die Aufbauschule und das Jagdschloss zu einem Leuchtturm der Bildungslandschaft in der Region zu entwickeln und in ihren Räumen eine Fachschule für Gesundheit, Tourismus, Gastronomie und Pflege aufzubauen. Wir sind dazu in Gesprächen und hoffen, im Laufe des Jahres entsprechende Verträge unterzeichnen zu können. Klar ist, dass wir das Jagdschloss mit Hilfe von Fördermittel sanieren und im Eigentum der Stadt behalten und als Schmuckstück in dieses Projekt einbringen wollen. Auch für die Sanierung der Aufbauschule sind Landesmittel in Aussicht gestellt worden. Dies wäre nicht möglich gewesen, ohne die überaus konstruktiven Verabredungen mit unseren @see-Partnern, mit denen wir gemeinsam im Stadt-Umland-Wettbewerb mit unserem Konzept überzeugen konnten. Ich möchte mich an dieser Stelle bei allen Partnerkommunen sehr herzlich bedanken, die mit ihrer Unterstützung für unser gemeinsames Projekt dazu beigetragen haben, dass es nun für alle funktionieren kann. (…) Auch diese zwischenzeitlich gewachsene Zusammenarbeit verdient ein lautes Trebus Helau, Fürstenwalde Helau und @see Helau.
Wenn Sie mich fragen, welche Vorhaben uns 2017 weiterhin besonders beschäftigen, so möchte ich Sie erinnern an das neue Sozialgebäude am PneumantSportForum und an die bald beginnenden Bauarbeiten an der Theodor-Fontane- und der Gerhard-Goßmann-Grundschule. Die Eröffnung der neuen Kita Apfelbäumchen in Verantwortung der Martin-Luther-Gemeinde wird das Betreuungsangebot für junge Familien in Süd erweitern. (…)  Das Stichwort Vereine und Ehrenamt bringt mich zum letzten und wichtigsten Punkt meiner heutigen Ausführungen. Viele Menschen engagieren sich in und für ihre Heimatstadt. Sie arbeiten im sozialen, kulturellen oder sportlichen Bereich in Vereinen oder Institutionen, sie retten Menschenleben, kümmern sich um Flüchtlinge, machen Musik, helfen Tieren, pflegen Brauchtum. Sie alle zusammen machen unser Gemeinwesen aus. Sie sind das Herz unserer Stadt. Ihnen möchte ich an dieser Stelle ganz besonders danken. Ohne sie wären wir nicht, was wir sind. Und, meine Damen und Herren, was wir ebenfalls im Jahr 2017 brauchen werden, sind Fakten, Fakten, Fakten – da bin ich ganz beim Werbeslogan für den Fokus. Ich setze darauf, dass Menschen neugierig sind und sich dem Reiz des Faktischen nicht entziehen können. Auch wenn wir es manchmal anstrengend finden, uns Zusammenhänge zu erklären, Fakten zusammenzutragen und Fragen zu stellen, sollten wir uns dennoch der Mühe unterziehen. Ich gebe zu, auch ich sehne mit manchmal nach dem Einfachen – auch wenn ich eigentlich weiß, dass die Dinge viel komplizierter sind. (…)
Ich möchte das Glas erheben und mit Ihnen anstoßen auf ein aufregendes, kompliziertes und verwirrendes Jahr 2017, das irgendwie nur besser werden kann. Trebus Helau, Fürstenwalde Helau.

error: Der Inhalt ist geschützt!
X