Neuendorf im Sande gedenkt der Vergangenheit

    Denkmal erinnert an jüdisches Leben im Dorf

    Es war ein herzergreifender Moment, als die Enthüllung des Denkmals für Jutta Baumwohl im feierlichen Rahmen am Mittwoch in Neuendorf im Sande stattfand.  Viele Wegbereiter, Unterstützer, Familienmitglieder und der Bruder von Jutta Baumwohl, Itzhak Baumwohl aus Israel, waren bei der Zeremonie dabei. Gedacht wurde der 159 Menschen, einschließlich Jutta Baumwohl, die 1943 mit dem letzten Transport nach Ausschwitz deportiert wurden. Und dabei hatte alles so verheißungsvoll und doch unter einen schlechten Stern stehend, mit dem Weg nach Palästina begonnen.

    Die Eltern hatten das Glück, zu einer Gruppe Menschen zu gehören, denen es erlaubt war, Deutschland zu verlassen. Das Ziel hieß Palästina. Zur damaligen Zeit stand Palästina unter dem Mandat der Engländer und man war somit illegal.

    Einige konnten dortbleiben, andere wurden interniert, auf Zypern oder Mauritius, aber am Leben. Jutta blieb mit Erlaubnis der Eltern und es war organisiert, dass sie mit in einer Jugendgruppe nach Palästina gehen und so auf einem zweiten Weg den Nationalsozialisten entkommen sollte. Jutta ging dann also auf Hachschara (Ausbildung) über Schniebinchen nach Neuendorf, um hier auf das Leben in Palästina vorbereitet zu werden.

    Die jungen Menschen bereiteten sich gewissenhaft vor. Inhaltlich wurde vorwiegend das Leben im Kibbuz gelehrt. Das Ausbildungsziel war Landwirtschaft, Gartenbau sowie kulturelle und kollektive Vorbereitung auf die Auswanderung nach Palästina. Die Nazis hatte jedoch die Jugendgruppe festgesetzt und das damalige Hachschara Gut Neuendorf fortan als Sammel- und Arbeitslager genutzt.

    Der Landrat des Landkreises Oder-Spree, Rolf Lindemann, erinnerte nicht nur an die Zeit der Schreckensherrschaft der Nazis mit ihren vielen Gräueltaten, sondern fragte sich auch, was es für einen so jungen Menschen bedeutet haben muss, fortan alles allein entscheiden zu müssen. Dieses Gefühl muss sehr beklemmend gewesen und hat sicher große Frustration nach sich gezogen. Und doch hat Jutta Baumwohl es im Kontakt zu ihren Eltern vermocht, diese in Sicherheit zu wiegen, wohlwissend, dass es noch viel schlimmer werden sollte.

    Itzhak Baumwohls Wunsch war es, dieses Denkmal zum Gedenken an seine Schwester und die 159 Menschen des letzten Transports zu initiieren. Das war nicht leicht, denn das Gut sollte veräußert werden. Viele haben sich dafür eingesetzt und sind bis zum Bundesfinanzminister gegangen und baten, den anstehenden Verkauf des Neuendorfer Gutes mit dessen jüdischer Geschichte außenvorzulassen. Auch Clara Grunwald, die Namensgeberin der beiden Schulen in Berlin und Hangelsberg, so Arnold Bischinger, ist hier in Neuendorf gewesen und wurde wie viele andere nach Ausschwitz deportiert

    Seit mehreren Jahren kümmern sich beide Schulen um das Andenken und besuchen Neuendorf. Aus gebührendem Anlass beteiligen sie sich im Rahmen ihres diesjährigen gemeinsamen Projekttags mit einer Installation im öffentlichen Raum. 159 Fahnen tragen die Namen derer, die mit den letzten beiden Deportationen aus Neuendorf in den Tod getrieben wurden, und verwandeln die zum Gutshof führende Allee in ein Mahnmal der Erinnerung

    Der Augenblick der Nennung der Namen ließ die Gesellschaft in Stillschweigen und Betroffenheit verharren, in Gedenken an die Gräuel. Itzhak Baumwohl, im übrigen 88 Jahre alt, kann bis heute nicht verstehen, warum seine Schwester und seine Eltern diese fatale Entscheidung getroffen hatten. Sie hatten doch die Möglichkeit, auf halblegalem Wege ihre Heimat zu verlassen. Die Eltern sind davon ausgegangen, dass man nicht wissen kann, was die Zukunft bringt und so diese Entscheidung getroffen.

    Die Eltern, so beschrieb Itzhak Baumwohl, waren voller Trauer über diesen Umstand. Mit mahnenden Worten erinnerte er an die Verbrechen der Nazis, die es geschafft hatten, mit einer perfiden Perfektion dafür zu sorgen, dass Jutta und weitere 6 Millionen Menschen verschleppt, gepeinigt und dann ermordet wurden, weil sie Juden waren. Das darf nie wieder geschehen. Jutta hat kein Grab, sie wurde zu Asche verbrannt

    Das Streben, sein Leben lang ein Denkmal für Jutta zu setzen, wäre ihm immer ein Bedürfnis gewesen. Das dies nun in Erfüllung ginge, ist ein Meilenstein und das wäre nicht gelungen, wenn nicht die Familie Bischinger und viele weitere Unterstützen sich dafür eingesetzt hätten, dass es gelingt. In die Allee blickend, linke Hand, wurde nun das Denkmal enthüllt: eine lebensgroße eiserne Silhouette einer jungen Frau, die selbstbewusst den Arm in die Hüfte drückt und quer über die Wiesen und Felder schaut. Sie erinnert nicht nur an Jutta Baumwohl, sondern gleichzeitig auch an alle anderen jungen jüdischen Menschen, die von Neuendorf aus in den Tod gingen.

     

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