Interview mit Tom Strohschneider, Chefredakteur der Tageszeitung „Neues Deutschland“

Über die Medienlandschaft Deutschlands diskutierten der Landtagsabgeordnete Volkmar Schöneburg und der Chefredakteur der Tageszeitung „Neues Deutschland“, Tom Strohschneider. Sie waren am Montag zu Gast im Raufutterspeicher in Schöneiche. Strohschneider wies in der Debatte den diffamierenden Begriff der „Lügenpresse“ zwar zurück, richtete aber zugleich das Augenmerk auf den Qualitätsverlust in der journalistischen Arbeit. Dieser sei nicht unwesentlich ökonomischen Prozessen geschuldet. Schöneburg, medienpolitischer Sprecher der Fraktion DIE LINKE, informierte über seine Arbeit als Mitglied des Rundfunkrates des rbb und thematisierte die Bedeutung von Bürgermedien, wie Freie Radios, Offene Kanäle oder Blogs, in unserer Gesellschaft. „Ihr Ausbau fördert sowohl Medienvielfalt als auch -kompetenz der Bürger.“, sagte Schöneburg.

Schöneburg: Als jahrelanger Leser des „nd“ gehört die Tageszeitung für mich am Morgen genauso zum Frühstück wie das Brötchen. Doch damit zähle ich wohl zur aussterbenden Spezies.

Strohschneider: Über ein mögliches Aussterben des Zeitungslesers mache ich mir keine Sorgen. Linker, kritischer Journalismus hat auf jeden Fall Zukunft. Gerade in diesen Zeiten. Die Herausforderung für uns Medienmacher ist, wie und wo wir die Leserinnen und Leser erreichen können. Denn die Art und Weise, in der Journalismus konsumiert wird, hat sich verändert.

Schöneburg: Was tut das „nd“, um dem Medien- und Generationswandel Stand zu halten?

Strohschneider: Vor allem tun wir eines: nicht verzagen. Es ist ein bisschen eine Mode geworden, sich als Medienmacher über die Krise der Medien zu beklagen. Für linke Zeitungen ist „Krise“ ohnehin kein so neuer Zustand – als die „großen Blätter“ noch sehr gut verdient haben, war das Arbeiten für eine kritische Gegenöffentlichkeit ja auch schon prekär. „nd“ hatte nach dem Neustart als unabhängiges linkes Blatt immer drei Herausforderungen zu bewältigen: Die Zeitung wirtschaftlich fit zu halten, neue Leserinnen und Leser zu gewinnen sowie den Anschluss an die technologische Entwicklung nicht zu verlieren. Wir müssen das mit weit weniger Ressourcen schaffen als andere. Aber deshalb stecken wir den Kopf nicht in den Sand.

Schöneburg: Welchen Anspruch hat eine sozialistische Tageszeitung?

Strohschneider: Wir sind parteilich in einem Sinne, der mit Parteien nichts zu tun hat, sehr wohl aber mit einer Haltung: sich nicht mit den Parolen der Herrschenden abzufinden, die ökonomischen Hintergründe der Politik auszuleuchten, Themen aufzugreifen, die von Regierenden gern hinter dem Schleier des Vergessens abgestellt werden, starke Meinungen und kontroverse Debatten zu ermöglichen, denen eine Stimme zu geben, die sonst von anderen zum Verstummen gebracht werden. Und natürlich spielt auch die Suche nach möglichen Wegen in gesellschaftliche Veränderung bei uns eine große Rolle. Zeitungslesen, ob nun auf dem Tablet oder am Frühstückstisch mit der Papierzeitung in der Hand sollte zudem immer auch Spaß machen.

Schöneburg: Du hast kürzlich in einem Beitrag die Bedeutung der Medien als Demokratieraum hervorgehoben. Gleichzeitig kritisierst Du jedoch, dass Journalisten gegen ihre eigene Interessenmeinung kolportieren. Wie kann man diesen Widerspruch auflösen?

Strohschneider: Ich habe kein Rezept dafür. Ein Großteil der Politik-journalisten gehört keineswegs zu den Besserverdienenden und gab in einer großen Studie vor einigen Jahren an, Kritik an Missständen sowie Engagement für die Belange der Benachteiligten gehörten zu ihrem Selbstverständnis. Warum sieht dann aber ein großer Teil der Medienlandschaft so aus, wie er aussieht? Wir Journalisten müssen selbstkritisch reflektieren, wenn von einem Glaubwürdigkeitsverlust der Medien die Rede ist.

Schöneburg: Welchen Stellenwert haben die journalistischen Qualitätsstandards nach Deiner Meinung in der Medienlandschaft?

Strohschneider: Da verbietet sich eine pauschale Antwort. Es gibt riesige Unterschiede zwischen den Zeitungen und bisweilen auch innerhalb von Redaktionen. Tolle und politisch folgenreiche Recherchen stehen neben bornierter Anmaßung, bei der sich Journalisten als die besseren Politiker generieren. Immer wieder werden auch presseethische Grundsätze missachtet – zugleich aber ist das Gros der Presse an hohen Standards orientiert. Ein Faktor gerät bei der Debatte oft aus dem Blick: der ökonomische. Die Auszehrung von Redaktionen durch Einsparungen hat natürlich auch auf Inhalte und Vielfalt schwerwiegende Folgen.

Schöneburg: Artikel 5 des Grundgesetzes besagt, es gibt keine Zensur. Dass wir eine ausgeprägte Selbstzensur haben, ist von vielen bekannten Journalisten aber schon mehrfach zur Sprache gekommen. Wie erlebst Du das aus der Sicht eines Chefredakteurs?

Strohschneider: Ich bin mir nicht sicher, ob der Begriff Selbstzensur der richtige ist. Das setzt voraus, dass die Journalisten aus Angst vor staatlicher Zensur oder Repression schon im Voraus sich unterwerfen. Aber droht denn hierzulande wirklich Zensur? Es ist ja das eine, wenn Politiker auf Redaktionen Druck machen – das andere ist, ob man dem nachgibt.

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