„Erna“, sagt mein Oller, „Erna, du nimmst dir das alles zu sehr zu Herzen!“ Damit wandte er sich wieder seiner Morgenlektüre zu, das sind die Werbebeilagen der Tageszeitung. Bunte Bilder und wenig Text (der interessiert ihn höchstens bei Werkzeugen). Gerade diese Beilagen hatten mir soeben Tränen in die Augen getrieben, ob aus Trauer, Wut oder Scham weiß ich nicht mal genau. Wissen Sie, als Frau ist man ja Kummer gewöhnt. Was ich aber überhaupt nicht abkann ist, wenn ich das Gefühl (oder die Gewissheit) habe, man will mich verarschen. Zum Beispiel, wenn mein Oller Freitagnacht gegen halb Zwei heimpoltert und bierseelig lallt: „Sch’ulliung, sch’wär scho’längs sssu’hause, ahr hab d’Uhr  vargessn“. Kann er nicht einfach sagen, dass es ihm beim Nachbarn so gut gefallen hat, und wo dessen Frau grade auf Kur ist… Aber nein, er denkt, ich wäre mit dem Klammersack gepudert. Und ich? Eigentlich auf hundertachtzig, bringe ihn ins Bett, stelle rein vorsorglich einen Eimer daneben und habe ihm schon vergeben, noch bevor mich der Schlaf überwältigt. Wer auch sonst? Mein überwältigender Gatte sägt bereits an irgend einem Stück Hartholz. Am nächsten Morgen habe ich die Zeitung erst mal ganz für mich. Auch die Beilagen. Das wiederum stellt sich als gar nicht gut heraus. Für wie bescheuert halten die Discounter eigentlich ihre potentiellen Kunden?! 12 Stück Edelrosen mit einem fast halbmeter langen Stiel für 2,99! Moosrosen, das 14er Bund für nicht mal 2 EURO! Das Ganze nicht aus dem Nachbarland Holland etwa, obwohl ich auch dann den Kopf schütteln würde, sondern aus Äthiopien, einem Land, das mir eigentlich nicht als eines mit blühenden Landschaften in Erinnerung ist. Unter dem FAIRTRADE-Siegel! Was, bitteschön, kann daran fair sein? Eine Seite weiter zeigt man (angeblich) „ein Herz für Erzeuger“. Schlaffe 56 ct werden für einen Liter Vollmilch aufgerufen. 56 ct!!! Davon sollen angeblich 10 ct direkt an den Produzenten gezahlt werden. Bei einem Ladenpreis von 56 ct/l bleiben nach Abzug der an den Erzeuger gehenden 10 ct/l und dem Molkerei-Ankaufspreis von 27 ct/l volle 19 ct/l übrig, die sich Molkerei, Logistik und Handel teilen können. Der Milchbauer übrigens hat so noch lange nicht die 40 ct/l Milch, die er bräuchte, um kostendeckend und mit einem angemessenen Gewinn zu wirtschaften. Sind Sie mitgekommen? Wenn nicht, ist die erste Voraussetzung für eine erfolgreiche Kundenverarsche erfüllt. „Bewusst leben. Nachhaltig handeln.“ So sind die Seiten der Werbebeilage überschrieben. Das Hühnerei für 12,9 ct. Wir freuen uns, weil dadurch das Wegwerfen so schön günstig ist. So ist das. Resigniert lege ich den Werbemüll weg und suche Trost in meiner odernahen Tageszeitung. „Sportstättenkonzeption lief ins Leere“ fällt mir als erstes ins Auge. Und schlägt dann auch gleich auf den Magen. Da beantragt die Linke im März 2015 die Erarbeitung einer Sportstättenkonzeption, damit die Stadt die Million EURO für die Sportförderung sinnvoll ausgeben kann. Folgerichtig wird bei den Sportvereinen angefragt, welcher Bedarf, bezogen auf Bauprojekte ab 25.000 Euro besteht, denn die wissen am besten, wo der Schuh drückt. Allerdings gingen als Ergebnis der Umfrage Wunschzettel in Summe von über 5 Mio. EURO ein. Die Stadtverordneten des Sozialausschusses, die nun die Aufgabe gehabt hätten, Prioritäten zu setzen, fühlten sich überfordert. Welchem Antrag sollte stattgegeben werden? Welcher wird abgeschmettert? Bei wem also macht man sich unbeliebt? Das ging den Stadtverordneten des Ausschusses dann doch zu weit und man beschloss, externen Experten den selbstgebastelten Schwarzen Peter zuzuschieben und mit der Erarbeitung der Konzeption zu beauftragen. Das geschah dann bereits 1 Jahr später, im Frühsommer dieses Jahres. Siebenunddreißigtausend EURO für eine Konzeption zu verbraten, erstellt von Experten, die vom Fürstenwalder Sportvereinsleben ungefähr genau so viel wissen wie ich vom Fußball? Und die die Vorschläge der Vereine gar nicht berücksichtigen! So was Ähnliches hatten wir schon, wenn ich mich recht erinnere. Das kann richtig teuer werden. Oder auch nichts. Den Rest des Vormittags bin ich eigentlich nur noch traurig und versuche, zu vergeben. Am Nachmittag kommt mein Mann vom Einkaufen, trotz des Vorabends in recht guter Verfassung. Er haucht mir einen Kuss auf die Wange und etwas Nettes ins Ohr. Dann drückt er mir ein Bund Edelrosen, 12 Stück, in die Hand und wundert sich, dass ich anfange zu heulen.

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