Nicht nur die Bauern stöhnen, wann immer der Sommer anbricht. Zu nass, zu wenig Sonne, zu warm, zu trocken, zum Glück selten einmal alles zur gleichen Zeit. Unabhängig vom Sommerwetter leiden die Medien, insbesondere die täglich erscheinenden Druckerzeugnisse. Während die Öffentlich-Rechtlichen das Privileg besitzen, in den nicht eben knappen Rundfunkgebühren zu schwelgen, muss der arme Zeitungsredakteur zur ereignisarmen Zeit manchmal heftig an den Fingern saugen, um das Blatt zu füllen. Und in Zeiten aussterbender Abonnenten hat das Zeitungsinserat eine ganz besondere Bedeutung erlangt. Nicht immer zur Freude des Lesers.

    Die „Bücher“, wie im Zeitungsdeutsch die Seitenbündel genannt werden, die sich speziell den Regionen oder dem Sport widmen, wirken ohnehin im Umfang eher schwindsüchtig. Wenn dann Autohäuser, Versicherungen oder Banken ganze Seiten okkupieren, ist’s auch mit der Information nicht mehr weit her.

    Der Kleine, Recht Unscheinbare, SCHilfgrüne Erläuterungs-Liebling der Oderregion hilft ebenfalls nicht beim Platzsparen, sondern soll Kindern, die tatsächlich Zeitung lesen, Inhalte ausgewählter Artikel erschließen. An sich keine schlechte Idee. Wäre da nicht mein Oller, und ich bin überzeugt, dass es ihm viele gleichtun. Mein Oller schmeißt nämlich neuerdings mittwochs und an den Wochenenden die Zeitung samt dazugehörigem Anzeigenblatt sofort nach der morgendlichen Lektüre weg. Aus Gründen des Anstands, wie er sagt. In Wirklichkeit ist er bloß verklemmt. Enkeltochter Luisa-Chantalle (7) kommt nämlich demnächst in die 2. Klasse. Ein pfiffiges Kind, das, seit es lesen kann, alles in sich hineinliest, was in lateinischen Buchstaben und deutscher Sprache verfasst ist. So auch Zeitungen.

    Neulich waren wir im Kletterwald, nicht unbedingt mein Ding, aber mein Oller war der Meinung, der Kleinen mal was bieten und sich selbst was beweisen zu müssen. Es war auch ganz schön, bis er am Ende des Parcours bemerkte, die Omi, also ich, hätte das richtig „geil“ gemacht, das mit dem Klettern und der Rutsche und überhaupt. Luisa-Chantalle war begeistert. „Klar, Omi ist geil!“ Dann ein kurzer Moment des Nachdenkens. „Kann denn Omi auch blasen? Wie der Wind? So wie die Oma in der Zeitung?“ „Nee!“, entfährt es ihm, „wie kommst du denn darauf?“

    Zu Hause löst sich das Rätsel nach einem Blick in das frische märkisch-sonntägliche Anzeigenblatt: da steht unter „Kontakte“ tatsächlich ein Inserat „Geile Oma, bläst wie der Wind“. Mein Oller ist verstört, ich bin zumindest verunsichert.

    Der Sonntag geht dann doch irgendwie sehr schön zu Ende. Als die Kinder ihr Töchterchen abholen, fragen wir es noch, ob es zur Einschulung einen besonderen Wunsch hat. Vielleicht etwas für das Hobby. „Ach nö, ich überlege mir noch, ob ich vielleicht Hobbynutte werde. Was ist das eigentlich, es klingt so niedlich!“ Seit dem hat mein Oller die Zeitungsphobie.

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