„Das haut doch dem Fass die Krone ins Gesicht!“ Mein Oller wird laut. Ich habe Wiederwahl nichts mitbekommen, weil ich in der Programmzeitschrift nach was Anspruchsvollem für den Abend gesucht habe. Natürlich vergeblich. „Nicht so laut, Vati! Die Kinder!“ Die sind zwar schon lange aus dem Haus, der Spruch aber erzielt noch immer seine Wirkung. Meistens jedenfalls. Mein Oller stutzt kurz und legt dann nach: „Ich kollabier‘ gleich!“

    Seit eh und je ist es in den Anfangsphasen seiner Ausbrüche nur schwer zu erkennen, ob er in freudige Ekstase gerät oder von einem Wutanfall gepackt wird. Letztere werden dann aber unverkennbar, weil von Schnappatmung begleitet. „Was ist denn los“, ich versuche seinen tatsächlichen Gemütszustand zu ergründen, „haben sie hier, wie in England, Viagra zum freien Verkauf zugelassen?“

    „Der Schulz!“, brüllt er. Aha, Schnappatmung. Dann ist es was Ernstes. Wenn man einmal nicht aufpasst. Was haben die im Fernsehen da wieder angerichtet!

    „Hat dieser Vogel doch eben tatsächlich gesagt, die SPD müsse vor einer Großen Koalition mit den Schwarzen zwischen den Interessen Deutschlands und den Interessen der SPD abwägen!!! Worin könnte denn überhaupt zwischen diesen Interessen ein Unterschied liegen, frag ich dich!“

    „Schulz“, antworte ich trocken, „Vogel war ein ganz anderes Kaliber!“ Mein Oller hält kurz inne. „Vogel ist der Unterschied? Versteh ich nicht.“ „Unsinn“, antworte ich, „du hast eben ,Vogel’ statt ,Schulz’ gesagt.“ „Das war als Schimpfwort gemeint! Hoffentlich hast du die nicht gewählt!“ „Wahlgeheimnis“, raune ich zurück. Mit der erbarmungslosen Freude, die sonst nur Kinder aufbringen, treibe ich mein Dickerchen auf die Palme. „Wahlgeheimnis!“ Mein Plan geht heute nicht auf. Mein Oller guckt nun wie Martin Schulz – ein bisschen traurig, ein bisschen beleidigt, ein bisschen angeekelt. Winkt ab und macht sich ein Bier auf.

    Nicht immer gehen solche Gespräche so glimpflich aus. Mein Oller ist das, was man einen politisch neutralen Extremisten nennen könnte. Will sagen, dass er von unseren Volksvertretern – egal, ob erschlichen oder gewählt – immer und überall erwartet, dass sie ihn, bzw. das Volk vertreten. Redlich, uneigennützig und korrekt. Dass für solch Wunschdenken ein gerüttelt Maß Naivität nötig ist, weiß jeder durchschnittlich realistisch denkende Mensch an sich. Denn erstens kommt es anders, zweitens usw.

    Nun steht aber erst einmal Weihnachten vor der Tür. Dieses vermeintliche Fest der Liebe. In Fürstenwalde wünscht Rudolph, das rotnäsige nordische Hirschtier von zahlreichen Plakaten herab ein frohes Solches. Soweit so nett, wäre da nicht das Geschmäckle, dass einer der Kandidaten für die kommende Bürgermeisterwahl ein Namensvetter des Gehörnten ist. Schlug sich das ansonsten sympathische Tierchen aus nicht nachvollziehbarem Grund auf dessen Seite? Oder wurde der Rotnäsige ein Missbrauchsopfer des Bärtigen? Dann wäre es schlimm, zumal den eigentlich freundlichen Aushängen die Registriermarke fehlte. Eine solche zeigt an, dass die Gebühr entrichtet wurde, die für Plakatierung zu entrichten ist. Egal – Fakt ist, dass Rudolphs Weihnachtsgrüße eine Ordnungswidrigkeit darstellten. Wie werden die Fürstenwalder wohl darauf reagieren? Mein Oller meint, wir lassen uns nicht so billig kaufen. Ich dagegen bin nicht so optimistisch. Die Vornamensgleichheit hat schon ganz andere Typen auf viel höhere Posten gehievt. Obwohl – erwiesen ist es nicht, welchen Anteil die vielleicht beliebteste Comic-Ente der Welt an der Wahl des vielleicht gestörtesten Präsidenten der Vereinigten Staaten hat…

    Na dann: Frohe Weihnachten und ein kluges neues Jahr!

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