Gaffern geht‘s ans Geld

Da soll tatsächlich in naher Zukunft ein Gesetz „auf den Weg gebracht werden“, das Gaffern und Katastrophentouristen an den Kragen geht. Nun ja, ich selbst habe linksspurig Langsamfahrenden, die möglichst viel und möglichst genau vom Unfall auf der Gegenspur mitkriegen wollten, oft genug die Pest an den Hals gewünscht. Diese neue Gesetzesinitiative veranlasst mich allerdings zum Nachdenken. Früher, ich sag jetzt einfach mal „früher“, war einiges einfacher gestrickt. Leute meines Alters mögen sich noch an Begriffe wie „Anstand“, „Feingefühl“ oder „Rücksicht“ erinnern. Nicht alles bedurfte einer Regelung durch Vorschriften in Gesetzesform. Kindern wurde beizeiten deutlich gemacht, wenn sich etwas „nicht gehörte“. Ich will nicht in das berechtigte Lamento heutiger Lehrer mit einstimmen, aber wenn sich ein Lehrer über mich bei meinen Eltern beschwerte, wurde ich ganz schnell wieder auf Linie gebracht, nicht dem Lehrer mit Klage gedroht. So lernten wir ganz schnell, was „sich gehört“. Geschadet hat’s nicht, außer dass in der Jetztzeit ein wenig die Ellenbogenmentalität fehlt, was dem Fortkommen nicht immer förderlich ist. Woran liegt es nun, dass Grundregeln des Anstands für manchen – und es werden immer mehr – einfach nicht mehr zu existieren scheinen? Möglicherweise hat das etwas mit unserem Rechtssystem zu tun. Strafbar ist nicht mehr die Tat. Strafbar ist, was durch ein Gericht als strafbar festgestellt wird. Es genügt längst nicht mehr, eine Tat zu beweisen. Es können hundert Leute zusehen und bezeugen, dass jemand einen Menschen totgeschlagen hat. Es ist trotzdem kein Täter! Er ist ein mutmaßlicher Täter! Mit einem guten Anwalt bekommt er weniger aufgebrummt als einer, der eine Laterne angefahren hat und, weil er nichts davon bemerkte, wegfuhr. Unfallflucht! Die Sau! Da machen sich drei über einen her, prügeln, bis er am Boden liegt, treten weiter ordentlich zu. Wer den tödlichen Tritt austeilte, ist nicht zu ermitteln, also fällt eine Strafe, wenn überhaupt eine kommt, ausgesprochen milde, will sagen, lächerlich niedrig aus. Es gibt Täter, die sind nicht zu resozialisieren, weil sie schon sozialisierte Wesen sind, wohlsituiert, keineswegs aus der Not heraus handelnd. Da wäre ein Freiheitsentzug wahrscheinlich wirklich eine abschreckende Maßnahme. Oder auch etwas mit dem Stöckchen. Ja, ja, ich weiß – die Menschenrechte. Strafbarkeit muss durch ein Gericht festgestellt werden. Für einen Täter und auch für den Außenstehenden werden damit Taten gewertet, eine niedrige Strafe bedeutet nichts weiter als: War doch nicht so schlimm, was ich/der gemacht habe/hat. Da können sich die Relationen sehr schnell verschieben. Erinnern Sie sich an den „Rennfahrer“, der in Berlin eine junge Mutter totkarrte? Haben Sie auch das „Straf“-maß mitbekommen? Gerichtsurteile „Im Namen des Volkes“ ergehen oft nicht mehr in meinem Namen. Und der Satz: „Recht hat nicht immer mit Gerechtigkeit zu tun“ ist in meinen Augen schlichtweg zynisch. Satzungen schreiben heute vor, wann nicht gerasenmäht, gesägt, genagelt – kurz, gelärmt werden darf. Finde ich eigentlich überflüssig wie einen Kropf. Ist doch selbstverständlich!  Ich durfte als Kind auch wochentags nicht laut draußen spielen, wenn der Nachbar aus der Nachtschicht gekommen war. Das hatte einfach was mit Rücksichtnahme zu tun. Für uns war das so selbstverständlich wie grüßen oder mal der Oma den Einkaufsbeutel nach Hause tragen. Aber so ist es halt: Wenn die Umgangsformen verloren gehen, müssen Gesetze herhalten… Ob jemals ein Gaffer zur Verantwortung gezogen wird – ich zweifle dran. Polizei und Retter haben bei Unfällen weiß Gott anderes zu tun. Und ob eine Anzeige wegen „Gaffens“ auch gerichtsfest bewiesen werden kann, ist ebenfalls nur schwer vorstellbar. Es gelingt ja nicht mal, solche Geisterfahrer dingfest zu machen, die bei einem Unfall den Rettungskräften in der Rettungsgasse entgegenkommen! Also, Deutschland, reguliere ruhig weiter. Wenn ich nicht so will wie du, gibt’s bald ein Gesetz dazu. Weil sich das „so gehört“?

error: Der Inhalt ist geschützt!
X