Milchmädchenrechnungen

Mir will mein Frühstücksmüsli nicht mehr so recht schmecken. Das ist schade, weil nur mit einem guten Frühstück ein Tag für mich ein guter Tag wird.

Dabei bin ich gar nicht mäklig, falls jetzt jemand meint, mir schmecke mein Müsli wegen der falschen Cerealien nicht. Ich leide auch nicht unter einer Laktoseintoleranz.

Mein Problem ließe sich eher mit „Milchpreisintoleranz“ umschreiben. Dabei wiederum geht es mir weniger um die gebeutelten Milchbauern. Wenn die mit ungefähr 20 ct pro Liter Rohmilch bloß etwa die Hälfte von dem kriegen, was sie für eine kostendeckende Milchproduktion bräuchten, ist das zwar bedauerlich, aber es ist halt so.

Was mich auf die Palme bringt, ist vielmehr die Tatsache, dass ich meine Frühstücksmilch zweimal bezahlen muss. Das verstehen Sie nicht? Denken Sie nach, es geht Ihnen nämlich nicht anders!

Das erste Mal löhnen Sie an der Supermarktkasse beim Milchkauf. Vom zweiten Mal merken Sie erstmal nichts. Das passiert nämlich dann, wenn den Milchbauern (von wem auch immer) Ausgleichszahlungen für den irrwitzig niedrigen Milchpreis zukommen. Genau, ob vom Bund oder der EU – es sind meine Groschen – und natürlich auch die Ihren – die dem Bauern sein Überleben sichern. Dagegen kann man im Prinzip nichts einwenden, oder? Oder etwa doch? Schauen wir uns doch mal den Einzelhandel an:

„Marktmächtigen“ Unternehmen (Oldie, Little, Brutto usw.) ist der Verkauf von Waren „unter Einstandspreis“ zum Schutz kleinerer Betriebe untersagt. Es gibt dabei zwar Ausnahmen, die durch das „Gelegentlichkeitsprivileg“ gedeckt sind, diese Ausnahmen gelten jedoch nicht für Lebensmittel. An dieser Stelle für alle Rechtsgelehrten und solche, die sich dafür halten: Das ist nur eine grundsätzliche Darstellung der Rechtslage, Feinheiten, Spitzfindigkeiten, Hintertürchen, wie sie gerne in der Architektur deutscher Vorschriften eingebaut sind, habe ich nicht berücksichtigt.

Weil der Grundgedanke des Untereinstandspreisverkaufsverbots mir sinnfällig erscheint und deshalb gefällt. Gedacht hat der Gesetzgeber in diesem Fall an mittlere und kleine Einzelhändler – Tante Emma, sozusagen. Gut gezielt, aber zu kurz geschossen, würde ich sagen.

Betrachten wir doch mal den Milchbauern als Händler. Er ist zwar in erster Linie Produzent, muss aber schließlich das, was er macht, am Ende verkaufen, um klarzukommen. Er hat Kosten, wie jeder Einzelhändler auch, und wenn er jetzt für seine Ware weniger verlangt als ihn die Herstellung kostet, ist er kurz über lang pleite. Wie jeder Einzelhändler auch. Aber die EU wird’s schon richten.

Halt!, werden Sie jetzt rufen, er verlangt ja nicht zu wenig für seine Rohmilch, er kriegt von der Molkereien zu wenig. Stimmt. Ich hab mich als Kunde mal kurz in die Situation der Molkerei hineinversetzt und in meinem Lieblingsgeschäft an der Kasse versucht, den halben Preis für meinen Einkauf zu bezahlen, mit dem Hinweis, ich würde sonst gar nichts kaufen. Ihnen ist schon klar, wie das endete?

Wenn das Untereinstandspreisverkaufsverbots für Milchbauern – übrigens auch für viele andere Zweige der Landwirtschaft – angewendet würde, könnten Molkereien und andere Abnehmer gar nicht anders, als produktionskostendeckende Preise zuzüglich der für Selbstständige geforderten Gewinnerzielungsabsicht zu berappen. Dann würde mich der Liter Milch vielleicht 90 ct oder gar 1,10 Euro kosten, was neben mir wohl niemanden wirklich umhauen würde. Das Subventionstheater jedoch wäre um eine Vorstellung ärmer.

Was hat der „Westen“ vor Jahrzehnten die Subventionspolitik der DDR verspottet. Recht so! Umso schlimmer, dass man wider besseren Wissens heute nicht viel anders wirtschaftet. Aber vielleicht bin ich auch bloß neidisch, weil ich als Dichter keine Subventionen kriege. Ich muss mit dem klarkommen, was mir meine Auftraggeber zahlen. Und die sind die reinsten „Molkereien“!

Na, wenigstens kann ich mir bei den Preisen die Milch noch leisten!

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