Früher war nicht alles schlecht – und nicht so schnell…

Lassen Sie mich heute mal so richtig in Erinnerungen schwelgen! Mancher wird sich erinnern, dass es eine Zeit gab, noch gar nicht sooo lange her, da nicht jeder Bürger dieser Welt mindestens ein Telefon sein Eigen nennen durfte. Schlimmer noch: Hatte man eines, war es u.a. durch eine gewendelte Schnur an seinen Standort gefesselt. Nichts da, von wegen mal rasch, mit dem Hörer am Ohr, den Müll runtertragen. Oder die gerade überkochenden Salzkartoffeln vom Herd ziehen. War nicht drin, wenn das Gerät in der guten Stube oder der Diele installiert war. Dafür hatte man noch richtig was in der Hand. Das war Entschleunigung, lange bevor es ebendiese überhaupt gab! Noch gemächlicher ging es bei der Nachrichtenübermittlung zu. Ein stinknormaler Brief brauchte schon seine 3 bis 4 Tage bis zum Empfänger. Ansichtskarten, womöglich aus dem Ausland verschickt, waren durchaus zwei Wochen und länger unterwegs. Wenn es pressierte, wurde ein Telegramm geschickt. Da bezahlte man pro Wort!  (Bloß gut, dass das die Anbieter von SMS-Diensten nicht mehr wissen!) Es war die Zeit, da sich der Bürger mit 3 bis 5 Fernsehprogrammen zufriedengab, die erst ab dem Nachmittag sendeten und noch vor 24 Uhr ein Testbild zeigten. Später auch ein Aquarium oder einen brennenden Kamin. Doch das nur mal so nebenbei. Die Informationsübermittlung benötigte halt ihre Zeit. Dabei gab es schon immer eilige Nachrichten. Die beim damaligen Stand der Technik normale Zeitverzögerung war nicht immer wirklich toll, aber auch nicht zu ändern. Und irgendwie überhaupt nicht schlimm! Wie hätte man diese Langsamkeit des Seins genossen, hätte man geahnt, wohin uns der Fortschritt führen würde! Schließlich waren die Generationen dereinst deswegen nicht blöde oder uninformiert. Wer sich interessierte, kannte sich trotzdem in der Welt aus. Selbst wir im Osten! Ereignisse werden heute dagegen fast in Echtzeit kommuniziert. Gaben sich Öffentlich-Rechtliche einst mit einem „Brennpunkt“ oder einer anderen Sondersendung zu wichtigen Aktualitäten zufrieden, ereilt heutzutage den Fernsehzuschauer mitten in der Sommernachtsromanze ein farbig unterlegter Lauftext. Nicht, dass da unbedingt was Neues stört, nein, immer noch: „50 tote Fische im Kienitzer Dorfteich“, kriecht da unter dem schmusenden Pärchen auf der Alm über den Bildschirm. Die schöne Stimmung ist dahin, ich ziehe meinen Arm, den ich eben noch dem Liebsten um die Schultern legen wollte, zurück. „Ist was, Erna?“ Oder es kann passieren, dass an der spannendsten Stelle im „Tatort“ die Mitteilung erscheint, dass es im Fall der Geiselnahme in X. überhaupt nichts Neues gibt. Hallo? Kann eine Nachricht, die nichts Neues bietet, nicht bis zur nächsten regulären Informationssendung warten? Muss ich mir das überhaupt gefallen lassen, dass man mir meinen Film verhunzt? Selbst wenn es neue Sachverhalte gäbe, rechtfertigt das eine Störung des regulären Programms? Zumal bei den Gebührenfinanzierten? Hat man Angst, der informationssüchtige Fernsehkonsument zappt weg, um seine Sensationsgeilheit woanders zu befriedigen? Meinetwegen soll er! Ich beharre dagegen auf meinem Recht, mir auch die fünfte Wiederholung vom „Polizeiruf 110“ aus dem Jahre 1981 störungsfrei reinzuziehen. Weil man dabei so schön sein Langzeitgedächtnis testen kann. Der geradezu zwanghafte Trieb, Nachrichten sofort annehmen und, auch ohne Not, sofort kommentieren zu müssen, ist jedenfalls häufig der Stimmungskiller bei gutem Essen oder interessanten Gesprächen. Wenn: „Johannes noch immer kein Stuhlgang“, dann kann man getrost die eine oder andere Stunde warten, ehe man das Lösungswort: “Kernseifenlösung…“ schickt. Na ja, meist ist es sowieso nur belangloser Scheiß, weswegen gestört wird. Neulich hörte ich, wie eine Freundin der anderen sagte: „Wenn mein Freund weiter sein Handy öfter als mich streichelt, schmeiß‘ ich ihn raus!“ Der Umgang mit unseren kleinen flachen Quälgeistern treibt mitunter aber auch kuriose Blüten. Neulich, wir waren im Theater, rief eine feine Dame reiferen Alters kurz vor Beginn der Vorstellung nacheinander ungefähr ein halbes Dutzend Bekannte an: „Du, ich wollte bloß Bescheid sagen, dass ich im Moment nicht anrufen kann, weil ich im Theater sitze und die Vorstellung gleich anfängt…!“

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