Verhüllungskünstler Christo begeistert wieder einmal die kunstinteressierte Welt! Mittels Hunderttausender Schwimmkörper und ein paar tausend Quadratmeter Spezialgewebe macht es der Altmeister künstlerischer Großprojekte möglich, ähnlich Jesus, trockenen Fußes über das Wasser zu laufen. In Italien, natürlich nicht in Deutschland. Hierzulande wäre ein solches Kunstereignis absolut undenkbar! Haben Sie die Bilder gesehen? Tausende Menschen auf den schwimmenden Stegen – ohne ein Geländer! Welch bodenloser Leichtsinn. Man darf außerdem annehmen, dass weder TÜV noch DEKRA ihren Segen für dieses Unterfangen gegeben hätten. Da scheut der deutsche Amtsschimmel beim bloßen Gedanken. Was da nicht alles passieren kann! Ja, Deutschland meint es gut mit seinen Bürgern. Gefahren werden abgewendet, bevor sie überhaupt bestehen. Danke, lieb‘ Heimatland. Das alles gilt natürlich nur, soweit es wirtschaftlichen Interessen nicht widerspricht. Bei der Einführung eines bundesweiten Tempolimits auf Autobahnen beispielsweise, tut man sich trotz einschlägig befürwortender Studien sehr schwer. Besorgte Lobbyisten achten darauf, dass es weiterhin lohnt, A8 oder X5 zu kaufen. Besorgte Stimmen haben es immerhin erreicht, dass sich unsere Regierung ihrer Stimme bei der Abstimmung zur Zulassung von Roundup/Glyphosat durch die EU enthält. Eine europäische Zustimmung ist ohnehin so gut wie sicher. Dann können wir unsere Hände in Unschuld waschen, wenn der gemeine Brotesser weiterhin (wahrscheinlich) ein bisschen was Giftiges mit vertilgt. Vielleicht bekommt Backwerk dann doch noch einen Beipackzettel: „Kann Spuren einer möglicherweise krebserregenden Substanz enthalten“. Die Pflicht zur Kennzeichnung von Nahrungs- und Genussmitteln hinsichtlich möglicher enthaltener Allergene besteht ja bereits. Die Forderung, diese Regelung auf (möglicherweise) Krankmachendes auszuweiten, halte ich nicht für überzogen. Also fordert, Ihr Konsumenten! Fordert, Ihr Wähler! Andererseits wünschte ich mir mehr Nonchalance im Umgang mit unseren lokalen scheinbaren Gefahren. Denn die drohende Abrissgefahr für die Fürstenwalder Treidelbrücke ist weiß Gott noch nicht aus der Welt! Wäre statt des derzeitigen Durchfahrtverbots für alle (außer für WSV-Schiffe) nicht auch ein Schild denkbar: „Durchfahrt für mündige Bürger auf eigene Gefahr!“? Wahrscheinlich lässt unsere nationale Gesetzeslage ein solches Vorgehen nicht zu. Denn wer sich mal die Mühe (oder den Spaß) gemacht hat, im Gesetzbuch zu stöbern, der wird festgestellt haben, dass in Deutschland diesbezüglich nichts weggeworfen wird. Paragraphen werden nicht so einfach eliminiert oder überschrieben. Nein, es werden immer neue hinzugefügt, die dann möglicherweise ältere als unwirksam erklären. Unser Paragraphensystem hat somit manches mit dem Weltall gemeinsam: Es ist unendlich, und es wächst mit zunehmender Geschwindigkeit. Wir sind Paragraphen-Messis, unfähig, wegzuwerfen und deshalb ebenso unfähig, noch durchzusehen. Ich hatte mal einen alten Computer. Irgendwann ging der einfach kaputt. Von jetzt auf gleich. Das tat richtig weh. Aber es tat auch richtig gut! Der ganze Datenmüll war endlich weg, mit neuer Systematik und gewachsenem Sachverstand wurde ein neuer Rechner angelegt. Manchmal ertappe ich mich dabei zu wünschen: „Deutschland, mach mal „format C ;)“.

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