Eigentlich habe ich ein Luxusproblem. Woanders sind Menschen am Verhungern, werden totgeschossen oder -gebombt. Und ich ärgere mich über Leute, die den Hals nicht vollkriegen. Das ist doch lächerlich! Oder? Dabei schere ich nicht alle über einen Kamm, nein, ich weiß zu differenzieren. Wenn beispielsweise ein Wolfgang Thierse vor Glück feuchte Augen kriegt, weil nun doch der Deutschen Einheit ein sauteures Denkmal gesetzt wird, verstehe ich das. Was sind denn schon 15 Millionen! Für einen, der im Bundestag jahrelang ganz andere Summen über den Tisch gehen sah, ein Klacks. Und wenn es dann zwanzig werden, ist’s auch nicht schlimm. Gigantomanie beherrscht ja schließlich nicht nur unsere zeitgenössische Gedenkkultur. Man scheint sich dran zu gewöhnen, anders ist es kaum erklärlich, dass man beim Gedanken an den BER nicht ausrastet. Der eigentliche Skandal ist, dass niemand dafür zur Verantwortung gezogen wird. Keiner wird zur Kasse gebeten. Also immer raus mit die Kohle! Mir ist inzwischen klar geworden, dass der Flughafen kein Flopp, sondern wohlkalkulierte Absicht ist, jawoll! Weil neben einem Projekt, dessen Gesamtkosten inzwischen bei 5,4 Mrd. Euro liegen, Tendenz steigend,  und bei dessen Stillstand täglich 1,3 Mio. Euro Kosten anfallen, alle anderen Skandal-Summen wie das Taschengeld unseres Enkelchens wirken. Wenn zum Beispiel Herr Flinks, Geschäftsführer der Caritas, monatlich 15.000, in Worten: FÜNFZEHNTAUSEND Euro, einstreicht, klingt das geradezu ärmlich. Übrigens, wer es nicht weiß: die Caritas ist eine soziale Hilfsorganisation, das Wort steht für: Hochachtung, Wertschätzung, Wohltätigkeit, Mildtätigkeit, Liebe, göttliche Liebe. Da fällst du glatt vom Glauben ab, jedenfalls wäre das das Letzte, was man von einem Mann in dieser Position erwartet hätte. Ganz anders beim Hilpert. Der ist Investor, also a priori jemand, von dem förmlich erwartet wird, dass er sich durch Schummelei, großzügige Auslegung von Gesetzen, vielleicht auch mittels etwas Schmiergeld, vorteilhafte Firmenkonstrukte und gute Bekannte die Taschen vollhaut. Enttäuschend eigentlich die läppischen 9 Mio. Euro, um die es da bloß geht. Dafür soll der Mann fast 4 Jahre in den Knast! Nun, die Kleinen hängt man… Noch ärmer ist der Peer Jürgens dran. Der steht beim Land Brandenburg mit nicht mal achtzigtausend Öcken in der Kreide. Weil er womöglich geglaubt hatte, dass er woanders wohnt, als er es tatsächlich wohnte, also für etwas kassierte, wofür es nichts zu kassieren gegeben hätte. Und nun? Eine Bewährungsstrafe. Zunächst. Der Unterschied zu Hilpert besteht nicht nur in fehlenden zwei Nullen am Ende der Zahl. Jürgens ist Linker. Sozusagen Teil des sozialen Gewissens der Nation. Kalauer gefällig? Die Strafe für ihn wäre also ein Gewissensbiss.* „Reg dir nich uff, Erna“, mein Oller ist wiedermal der eiserne Pragmatiker, „Et wird imma Leute jeben, die ihrn Hals nich vollkriejen. Mit diese Jesellschaft wird et nüscht mehr.“

*Rein vorsorglich betone ich, dass die Urteile gegen Hilpert und Jürgens noch nicht rechtskräftig sind. Beide werden wohl Berufung einlegen. Was das wieder kostet, möchte ich gar nicht wissen.

error: Der Inhalt ist geschützt!
X