Kürzlich fand ich eine E-Mail im Postfach, in der mir die „Polizei“ mitteilte, ich wäre zu schnell gefahren und würde im Anhang mehr dazu erfahren. Zugegeben, eine ganz pfiffige Idee der Onlinebanditen. Andererseits ist es natürlich immer ärgerlich, wenn ganz offen und unverschämt gelogen, betrogen, abgezockt, hinters Licht geführt wird. Offenbar weitgehend geduldet. Gibt es denn wirklich einen Unterschied dazwischen, ob mir jemand an der Haustür vormacht, mein Enkel sei in Not oder ob mit jemand im Internet Millionengewinne fest zusagt? Mir ist das Jacke wie Hose. Ich will, dass ich dagegen durch den Staat geschützt werde. Natürlich alle anderen auch. Denn der Staat hat nun mal das Machtmonopol. Aber in Wirklichkeit treibt die kriminelle Energie immer neue Blüten. Scheinbar weitgehend unbehelligt. Der Bürger fühlt sich vom Rechtsstaat allein gelassen, ohne (legitime) Mittel, sich selbst zu schützen. Das macht unzufrieden, hilflos. Das wiederum macht wütend, auf alles, was man nicht gut findet oder selbst nicht versteht. Wut macht nicht klüger, Hilflosigkeit lässt mitunter verzweifeln. Wer sich dann nicht im Griff hat, rutscht leicht in Pöbelei oder gar Gewalttätigkeit ab. Oder nach rechts unten. Dann ist es freilich viel leichter, diese Leute in eine bestimmte Ecke zu stellen, sie zu beschimpfen, als Randerscheinung abzutun, als mit ihnen die verbale Auseinandersetzung zu suchen. Ob man dadurch aber auch nur eines der Probleme löst, ob man dadurch auch nur einen auf den „Pfad der Tugend“ zurückbringt? Das darf bezweifelt werden. Die Auseinandersetzung mit Andersdenkenden war noch nie leicht – und noch nie immer von Erfolg gekrönt. Im Moment scheinen mir aber Verhältnisse wie vor 1989 wieder vorstellbar: dass nicht sein kann, was nicht sein darf. Es ist wieder die Zeit gekommen, da die Portraits diverser regionaler Politgrößen die Straßenränder schmücken. Garniert mit kurzen, einprägsamen Sätzen. Damit der gemeine Mitbürger es auch lesen kann. Ich habe mir noch keinen einzigen Spruch gemerkt, es hätte auch nicht gelohnt. Eines kann ich aber mit Bestimmtheit voraussagen, nämlich, dass die Proklamierenden ihre eigenen Sprüche ebenso schnell vergessen. Mit dem Wahlslogan ist es so ähnlich wie mit dem per E-Mail versprochenen Lottogewinn: Besser, man bleibt skeptisch und betätigt die Löschtaste.

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